Das Buch

 

SchuldLOS. Die lange Reise des Amadeus Glückskind. Roman

Was ist Schuld?
Ist ein Leben ohne Schuld überhaupt denkbar? Können Schuldgefühle wie ein alter Mantel entsorgt werden? Und wenn sich Schuld wie ein Feuermal einbrennt, wie mächtig ist so ein unsichtbarer Begleiter?

Wie stark lenkt er die Geschicke derjenigen, die diese Bürde zu tragen haben? Amadeus Glückskind ist 15 Jahre alt, als Jonathan Puck; das schräge Genie der Klasse, der Außenseiter – aufgrund seiner Intelligenz sowohl gefürchtet als auch verspottet -, kurz vor Mitternacht vor dem Schultor aufgefunden und von der Polizei mitgenommen wird. Der Schüler gibt an, seinen Vater erstochen zu haben. Lehrer und Mitschüler stehen unter Schock. Niemand ahnt, dass Amadeus und seine drei besten Freunde nur allzu gut wissen, warum sich Jonathan in den Abendstunden der Mordnacht auf den Weg zur Schule begeben hatte.

28 Jahre später fliegt der Restaurator Amadeus Glückskind, Vater eines Sohnes, verheiratet mit seiner großen Liebe Fanny Goldbach, einer Cellistin, in den Jemen. In Sanaa kommt es zu einer folgenschweren Begegnung. Auf einer langen Autofahrt nach Shibam erfährt Amadeus, was in jenen dramatischen Stunden vor 28 Jahren wirklich geschah. Doch vieles bleibt rätselhaft. Nach seiner Rückkehr findet er einen Brief, dessen Inhalt ihn erschüttert zurücklässt. Eine Geschichte über Schuld und Vergebung, über Liebe und Tod offenbart sich ihm. Die lange Reise des Amadeus Glückskind ist noch nicht zu Ende.

GuiltLESS. The long Journey of Amadeus Glückskind. Novel

What is guilt?

Is a life without guilt even conceivable? Can feelings of guilt be disposed of like an outworn coat? And if guilt burns into you like a port-wine stain, how powerful is an invisible companion like that? To what extent does it direct the fate of those who must bear that burden?

Amadeus Glückskind – his surname means ‚Lucky Kid‘- is fifteen when Jonathan Puck, the weird class genius, the outsider —  both feared and mocked by his classmates because of his intelligence — is found outside the school gates shortly before midnight and detained by the police. The schoolboy claims to have stabbed and killed his father. Both teachers and pupils are in a state of shock. No one suspects that Amadeus and his three best friends know all too well why Jonathan had set off for the school on the evening of the murder.

Twenty-eight years later, Amadeus Glückskind, now a restorer married to his great love Fanny Goldbach, a cellist, and father of a son, flies to the Yemen, where an encounter with serious consequences takes place in Sanaa. On a long journey by car to Shibam, Amadeus learns what really happened in those dramatic hours twenty-eight years ago. Much remains shrouded in mystery, however. After his return he finds a letter that devastates him: a story of guilt and forgiveness, love and death is revealed to him. The long journey of Amadeus Glückskind is far from over.

Durch den Wald, Hinter der Zeit. Roman

Aufgewachsen in einem abseits gelegenen Gutshaus in einem winzigen Ort mit dem Namen Hollenbrinck, mit einer eigenwilligen Mutter und einem schweigsamen Vater, vier Schwestern, dem buckligen Onkel Franz und der exzentrischen Großtante Helene, einem dreibeinigen Hund namens Wotan und einem ziemlich bösen Kater, verlebt Clara Wiesenbaum eine Kindheit, die abgeschottet und zugleich verwunschen ist; angefüllt mit wunderlichen Geschichten und skurrilen Begebenheiten, in der Magie und Phantasie gleichermaßen zu Hause sind. Bis zu dem Tag, als ein tragisches Unglück geschieht, der alles verändert. Der Roman beschreibt das Leben zweier Männer, dem Journalisten Ben Kohlmann sowie dem Theaterregisseur Raimund Broder, und einer Frau, der Bühnenbildnerin Clara Wiesenbaum, als eine unberechenbare Reise – von Hollenbrinck über Frankfurt am Main, Zürich, Basel und London -, die Liebe und Tod mit sich führt, darunter ein Verbrechen, und immer wieder mit dem Zufall spielt, der scheinbar willkürlich in die Geschicke eines jeden eingreift, Verwirrung stiftet und doch am Ende eine überraschende Logik offenbart. Eine Geschichte, tragisch und komisch zugleich, über die Suche nach Liebe, Heimat und Glück, in der Schuld, Lügen und Wahrheiten zu Tage treten. Über kleine und große Fluchten. Über Familie und deren prägende Bedeutung über den Tod hinaus. Und nicht zuletzt über Karriere, Ruhm und den Preis, den man dafür bezahlen muss. Der Tod tritt in das Leben der Protagonisten unerbittlich, manchmal nicht ohne absurde Komik, er öffnet aber gleichzeitig Türen, hinter denen etwas Neues beginnen kann.

A Houseful of Ghosts. Novel

Growing up in an isolated farm house in a tiny place by the name of Hollenbrinck, with an idiosyncratic mother and a taciturn father, four sisters, the hunchbacked Uncle Franz and the eccentric Great-Aunt Helene, a three-legged dog called Wotan and a rather bad cat, Clara Wiesenbaum has a childhood that is simultaneously sheltered and charmed, filled with fantastical stories and bizarre occurrences, and nurturing both magic and imagination. Until the day of the tragic accident that changes everything. The novel describes the life of two men – the journalist Ben Kohlmann and the theatre director Raimund Broder – and that of a woman – the stage designer Clara Wiesenbaum – as an unpredictable journey from Hollenbrinck to Frankfurt am Main, Zürich, Basel and London. It is a journey with life and death as travel companions, a journey that is interrupted by a crime and that repeatedly plays with the forces of chance that seem to interfere arbitrarily in everyone’s life, causing confusion and yet, ultimately, revealing a surprising logic. It is a simultaneously tragic and comical story about the search for love, for a home and for happiness, a story in which guilt, truths and lies all play their part. A story about escapes, great and small, about family and its formative influence from beyond the grave. And, last but not least, it is a story about career, fame and the price that must be paid for them. Death intervenes unrelentingly in the life of the protagonists, not without an absurd humour on occasions, but it also opens doors to new beginnings, assuming, that is, that they take the opportunity and go through them.

La maison de mes esprits. Roman

Dans un manoir isolé d’une minuscule localité appelée Hollenbrinck, peuplé d’histoires étranges et d’événements loufoques, où règnent magie et fantaisie, Clara Wiesenbaum mène une enfance à la fois recluse et enchantée, avec une mère de caractère et un père taciturne, quatre sœurs, Franz, l’oncle bossu, et Hélène, la grand-tante excentrique, un chien à trois pattes nommé Wotan et un chat plutôt malveillant.
Quand un jour survient un tragique accident qui va tout bouleverser.
Le roman décrit la vie de deux hommes et d’une femme, le journaliste Ben Kohlmann, le metteur en scène Raimund Broder et la décoratrice de théâtre Clara Wiesenbaum. Lorsqu’un périple imprévisible — de Hollenbrinck, en passant par Francfort-sur-le-Main, Zurich, Bâle et Londres —, emporte dans son sillage l’amour, la mort et un crime au beau milieu. Il jongle constamment avec le hasard qui infiltre, apparemment de façon aléatoire, les destinées de chacun, suscite le désarroi, tout en dévoilant une fin étonnamment logique.
Une histoire tragique et drôle à la fois, sur la quête de l’amour, de ses racines et du bonheur, où culpabilité, mensonges et vérités sont mis en évidence. Sur les petites et grandes fuites en avant. Sur la famille et sa portée majeure par-delà la mort. Et notamment sur la carrière, la célébrité et leurs conséquences.
La mort survient dans la vie des protagonistes, impitoyable, parfois non sans un humour absurde, tout en ouvrant aussi des portes, derrière lesquelles quelque chose de nouveau peut commencer.

Vorankündigung: 01.05.2020

Und in des Waldes Dunkel schlafen die Wölfe. Roman

Englische Übersetzung: 2021

And in the Dark of the Forest the Wolves are sleeping. Novel

Es geht immer um Liebe, aber eigentlich geht es mehr noch um den Tod. An genau diese Worte ihres Vaters erinnert sich die 19jährige Alva, als sie mitten in der Nacht die Londoner Stadtwohnung verlässt. Klammheimlich. Sie schleicht sich hinaus, während im Zimmer nebenan ihre Eltern tief und fest schlafen. Wütend und aufgebracht und kreuzunglücklich über das unmissverständliche elterliche Verbot, das Stunden zuvor ausgesprochen worden war: „Du willst ganz allein Mexiko durchqueren? Chile? Argentinien? Niemals!“ Sie hatte geweint und gebarmt und gefleht; vergebens. Um 3 Uhr in der Nacht steigt Alva in den nächstbesten Zug, der nach Wien fährt. Dort angekommen überlegt sie kurz, ob sie ihren Onkel Bro aufsuchen sollte, doch dann trifft sie kurz entschlossen eine Entscheidung, die ihr ganzes Leben verändern werden wird.

Leseprobe

SchuldLOS - Die lange Reise des Amadeus Glückskind

Prolog

New York. Auf der Beletage eines Hotels

Magisch angezogen folgte ich den dumpf hämmernden Geräuschen, die, einer gewaltigen Welle gleich, dröhnend anstiegen und wieder abbrachen. Eine Mischung aus Gestampfe, Grunzen, Gegröhle, Klirren, Scheppern, Geschrei. Absonderliche Laute, weder Mensch noch Tier eindeutig zuzuordnen, die ich so nie zuvor gehört hatte. In kurzen Abständen übertönt von rau klingenden, fremdartigen Sprachfetzen und lauten Peitschenhieben. Plötzlich wurde es still, so still, dass ich ratlos auf dem langen verwinkelten Hotelgang stehenblieb, mich zweifelnd umsah und nicht umhin konnte mich zu fragen, warum ich nicht schnurstracks dorthin zurückkehre, wo ich in diesem Augenblick längst hätte sein sollen. Was mache ich hier überhaupt? Und dann, wie aus dem Nichts, erscholl ein mächtiger Chorgesang, so wundersam und zu Herzen gehend, dass mich dessen betörende Sogwirkung weitergehen ließ. Die Toten werden tanzen. Was bedeutet das?

Meine Schritte wurden noch schneller. Da! Eine halb geöffnete Tür. Ungeduldig schob ich sie weiter auf. Ein dunkelhaariger Junge; vielleicht 10, höchstens aber 12 Jahre alt, wandte mir seinen Kopf zu. Überrascht erwiderte ich seinen erstaunten Blick, angezogen von strahlend blauen Augen, aus denen mir eine so glühende Begeisterung entgegensprang, dass ich auf der Stelle wünschte, bleiben zu können. Er lächelte mich ohne Scheu und mit einer entwaffnenden Offenheit an. „Du kannst ruhig hereinkommen, tut mir echt leid, ist wohl zu laut gewesen, nicht wahr? Hab‘ vergessen, die Tür zu schließen, passiert mir leider immer wieder. Mein Lieblingsfilm, kennst du ihn? Ich habe dich gestern Abend gesehen; unten, im Foyer, in Begleitung deines Mannes. Du hattest ein Baby auf dem Arm. Wohnt ihr auch auf dieser Etage? Ziemlich öde hier, wenn du mich fragst. Willst du wirklich nicht hereinkommen?“ Ohne meine Antwort abzuwarten, wandte sich der Junge abrupt von mir ab und einem in der Wand eingelassenen Bildschirm wieder zu. Ich folgte seiner Aufforderung und betrat langsam eine auffallend luxuriös ausgestattete Suite. Wenige Meter vor einem Sofa, das wohl besser die Bezeichnung einer Chaiselongue verdiente, blieb ich stehen und drehte mich, neugierig – was diesen Jungen so über alle Maße in den Bann zog, in Richtung der flimmernden Bilder. Die Filmsequenz zeigte die letzten Minuten vor Beginn einer gewaltigen Schlacht.

Grandios und beeindruckend in Szene gesetzt, tummelten sich hunderte und aberhunderte Wesen, teils menschlich, teils einer Fabelwelt entsprungen, auf einem Schlachtfeld riesigen Ausmaßes. Krieger in silbern blitzenden Rüstungen, hoch zu Ross oder zu Fuß, bewehrt mit Lanzen, armdicken Eisenstangen, Pfeil und Bogen, langen, gebogenen Messern und glänzenden Schwertern. Seite an Seite mit raubtierähnlichen Wesen, die allein durch ihre Größe Angst und Schrecken verbreiteten. Die mannshohen Kampfmaschinen ließen keinen Zweifel daran, dass sie alles und jeden niedermetzeln würden, der es wagen sollte, sich ihnen in den Weg zu stellen. Mein Blick fiel auf ihre beiden elfenbeinfarbenen Stoßzähne, an deren gezackten Enden furchteinflößende Widerhaken herausragten, deren Vorhandensein nur einen einzigen Grund haben konnte; einem Gegner besonders qualvolle Verletzungen zuzufügen. Ich sah bizarr geformte Chimären, Gnome, Zwerge, mit Keulen bewehrte Riesen und hinter diesen eine schier unübersehbare Anzahl monströser Kreaturen: eine scheußlicher als die andere, die nur dem schlimmsten aller Albträume entsprungen sein konnten. Die Großaufnahmen zwangen meinen Blick auf weitere, nach vorn drängende muskelbepackte Wesen; halb Mensch, halb Tier, fleischgewordene Ungeheuer, die eine Vielzahl von abstoßenden Deformationen aufwiesen. Schmutzig weiße Glaskörper hingen aus kratertiefen blutigen Augenhöhlen heraus. Einige von ihnen besaßen zwei Augen und eines am Hinterkopf, andere schienen gar keine zu haben, wieder andere nur ein einziges, dafür fehlte die Nase, stattdessen sah man in große kreisrunde Löcher, deren Ränder aus dicken Wülsten bestanden. Aus ihren weit aufgerissenen Mäulern tropfte unaufhörlich blutiger Schleim. Um Himmels willen! Was ist das? Warum tue ich mir so etwas an? Ich sollte auf der Stelle weglaufen! Und blieb stehen.

Allmählich begann sich der Himmel blutrot zu färben.

Auf knorrigen, blattlosen Ästen alter Baumriesen hockten ringsum, dicht an dicht, zahllose Rabenvögel, an schwarzgekleidete Klageweiber erinnernd, deren tausendfaches Krächzen unheilvoll die Luft zerschnitt. Die dumpf zitternden Trommelschläge kündigten das Ende des Wartens an und damit den Beginn einer historischen Schlacht, eines so nie dagewesenen blutigen Gemetzels, an dessen Ende ein Meer von Leichen zurückbleiben würde. Und siehe! Wie aus dem Nichts tauchte eine weitere Schar fliegender Boten am Horizont auf. Aasgeier. Zu Hunderten ließen sich die gefürchteten Totenvögel in einem gebührenden Abstand nieder, stumm und geduldig wartend in dem Wissen, dass ihre Zeit kommen würde. Seit Urzeiten immer dann am Himmel kreisend, wenn die Ankunft des Todbringers bevorsteht, der Geruch von Blut und Verwesung schon in der Luft hängt, obgleich das große Töten noch gar nicht begonnen hat. Der Anblick der düsteren Vogelschar löste ein ehrfürchtiges, von Angst durchmischtes Stöhnen unter den noch Lebenden aus. Ein weiteres Mal schweifte die Kamera quälend langsam über das staubig flirrende Feld. Die vibrierende Nervosität des Jungen, der inzwischen aufgeregt begonnen hatte, an seinen Fingern zu knabbern, schwappte zu mir herüber. Selbst ich konnte mich nicht der Anziehungskraft dieser geradezu überbordend bildmächtigen Szenerie entziehen und starrte unverändert gebannt auf den Bildschirm. In vorderster Reihe, soweit das Auge blicken konnte, stand eine unübersehbar große Anzahl wild schnaubender Rosse, die nervös mit ihren Hufen scharrten und nur mit großer Mühe von ihren Reitern im Zaum gehalten werden konnten. Gut gegen Böse. Es war nicht schwer zu entscheiden, auf welcher Seite man hätte stehen wollen. Noch leichter, die Bösen von den Guten zu trennen. Der Junge rutschte unruhig vor und zurück. Plötzlich wandte er mir erneut sein Gesicht mit diesen über allen Maßen mitfiebernden Augen zu. Für den Bruchteil einer Sekunde setzte mein Herzschlag aus. Irgendwoher kannte ich diesen Blick; so wach, hochkonzentriert, unbändig bis unvernünftig, so voller Leidenschaft und siegessicher. Nur woher?

„Soll ich dir mal was sagen?“

Der kurze Satz kam nicht sehr laut, dafür umso schneller, die wenigen Worte platzten so hastig heraus, dass ich erstaunt aufhorchte. Der Junge hielt inne, mich ein weiteres Mal aus den Augenwinkeln musternd, als müsse er noch einmal überprüfen, ob ich seines Vertrauens auch wirklich würdig sei. Gespannt sah ich ihn an. Es war ihm anzusehen, dass er es nicht mehr lange schaffen würde, sein Geheimnis für sich zu behalten. Und auf einmal, gänzlich unerwartet, steigerte sich seine Aufgeregtheit noch, die Beine begannen wild hin und her zu zappeln. Er streckte seinen rechten Arm in Richtung des Bildschirms und rief: „Jetzt, jetzt! Sieh nur! Sieh hin! Es geht los! Du wirst gleich sehen, was passieren wird …“ Das Geschehen nahm ihn von da an völlig in Anspruch. Mitgerissen von dem, was sich vor seinen Augen abspielte, schien er mich ganz und gar vergessen zu haben. Trotzdem war nicht zu übersehen, dass er große Mühe hatte, seine Anspannung zu beherrschen. Der kindliche Oberkörper bebte. Hörbar schnaufend, wie es nur sehr kleine Kinder tun, sog er tief die Luft ein und stoßartig wieder aus. Zwischendurch rutschte er wiederholt von der Lehne auf den Fußboden, um sogleich wieder zurück auf das mit dunkelblauem Samt bezogene Möbel zu klettern, bis ein Kissen in sein Blickfeld geriet und er danach wie nach einem Rettungsanker griff. In einer Ecke der Ottomane schlussendlich zusammengerollt, hielten seine beiden Arme das Kissen fest umklammert. Laut ausatmend schenkte er mir einen erleichterten Blick und drehte sich sodann wieder dem Bildschirm zu. Ich folgte seiner Kopfbewegung.

Schlagartig erloschen alle Geräusche.

Das permanente Krächzen und an den Nerven zerrende Schreien der schwarzgefiederten Krähenvögel verstummten ebenso wie die monotonen Schläge der Trommeln. Selbst das Stimmengemurmel, das laute Geschrei, die unaufhörlichen Zurufe aus tausendfachen Kehlen sowie das Brüllen der Tiere brachen ab. Stattdessen entstand eine lähmende Stille, so groß und tief wie ein todbringender Höllenschlund, bereit, alles Leben aufzusaugen. Die Spannung stieg ins Unerträgliche. Worauf warten sie noch? Sekunden später wusste ich die Antwort. Inmitten der schweigenden Masse begann sich Stück für Stück ein schwarzer, allmählich größer werdender Schatten zu erheben. Der Tod, alles und jeden überragend, richtete sich zu seiner vollen Größe auf, im Schlepptau eine nahezu nicht endende Walze leichengrauer Schatten, die vorauseilend den Himmel mit einem dunklen Tuch überzogen. Noch hielt er sein Haupt bedeckt. Was für eine schaurige Erscheinung! Nicht weniger furchteinflößend als all das, was ich bislang gesehen hatte. In dieser, vor höchster Anspannung zuckenden Grabesstille – entstand ein Sog, ein Strudel, der mich augenblicklich erfasste und hineinzog, obgleich ich der verführerischen Magie der zwar märchenhaften, aber vor allem gewalttätigen Bilderflut zu entkommen versuchte. Jetzt war es so weit. Die Toten werden tanzen. Das große Schlachten konnte beginnen.

„Horch nur!“

Der Junge senkte seine Stimme zu einem Flüstern. „Horch…“, wiederholte er noch leiser. Jetzt erst vernahm ich die allmählich lauter werdenden monotonen Schläge einer einzelnen Trommel. Die letzten Sekunden vor Beginn des Kampfes waren angebrochen, die Spannung hatte ihren höchsten Punkt erreicht. Ein bewegender Moment, der in seiner stummen Dramatik kaum zu überbieten war. Ein allerletztes Mal beugten sich die Krieger nieder zum Gebet. Die Gesichter des Königs und seiner Gefährten zeigten Stolz, Mut, Anspannung, Demut, so etwas wie heroische Tapferkeit und eine unüberwindbare Willensstärke, die eigene Angst zu bezwingen, um am Ende das Böse besiegen zu können. Die Helden würden bis zum letzten Blutstropfen kämpfen. Sie würden klaglos ihr Leben für ihren König und für ihr Land opfern, für ihre Ideale oder das, was sie dafür hielten. Es gab kein Zurück mehr. Nur der Sieg zählte. Siegen oder sterben, dazwischen gab es nichts. Der Junge sah mich an. In seinen Augen flackerte eine vage Sehnsucht. „Wenn ich groß bin, möchte ich ein Meeresforscher werden und ganz viele Abenteuer erleben. Meine Lieblingstiere sind die Wale. Mit einem großen Schiff werde ich bis nach Grönland segeln und mit den Haien und Delphinen um die Wette schwimmen. Wusstest du, dass Wale eine eigene Sprache haben? Ich kann schon ziemlich lange unter Wasser die Luft anhalten. Meine beiden jüngeren Geschwister sind richtige Angsthasen, die trauen sich das noch nicht. Logisch! Viel zu gefährlich! Sie nerven total, ständig kommen sie in mein Zimmer und fordern mich auf, mit ihnen zu spielen, aber ich würde alles für sie tun, wenn es darauf ankäme, schließlich bin ich ihr großer Bruder.“ – „Ja, das glaube ich dir sofort. Leider weiß ich nicht, wie es ist, Geschwister zu haben, jedoch wäre ich gern mit einem Bruder und einer Schwester aufgewachsen. Aber wer beschützt dich?“ In seinem überraschten Blick blitzte Unsicherheit auf, nur einen Wimpernschlag später war sein Selbstvertrauen zurückgekehrt. – „Wo denkst du hin? Mich muss keiner mehr beschützen, was meinst du, wie stark ich bin! Hast du eine Ahnung! Na gut, mein Vater ist natürlich noch stärker. Er beschützt mich, wenn es sein muss, aber dazu wird es nicht kommen. Ich schaff‘ das inzwischen ganz allein.“ Während er mich anlächelte, spürte ich eine tiefe Zuneigung. „Also gut, ich verrate es dir. Immer bei dieser Szene, immer dann, wenn der letzte Trommelwirbel einsetzt, kribbelt es in meinem Bauch. Ich wünschte so sehr, ich könnte mitkämpfen, jetzt sofort und auf der Stelle! Alles würde ich dafür geben, wirklich alles!“ Mein Atem stockte. Alles? Was sagt er da? Was redet er für einen Unsinn? Nichts weiß dieser Junge, einfach nichts, weder vom Leben noch vom Sterben. Stattdessen sitzt er in seinem blitzsauberen Poloshirt auf einem 10.000-Dollar-Sofa und redet davon, heldenhaft in einen Kampf ziehen zu wollen. Wie ist das möglich? Aber was wäre, es käme jemand daher: Hier und heute, in diesem Augenblick, in dieser Minute; im Gepäck das Versprechen von Ruhm, Ehre und Heldentum. Würde dieser Junge aufstehen und Gefolgschaft schwören? Wäre er bereit, seine Eltern und seine Brüder zu verlassen?

„Aber hast du keine Angst vor dem Tod?“ Überrascht sah er mich an. – „Weiß nicht, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Du darfst nicht vergessen, dass ich nicht alleine wäre. Jeder passt auf den anderen mit auf, jeder kämpft für den anderen mit und gleichzeitig gegen die Bösen. Du hast es doch gerade gesehen! Genau so musst du dir das vorstellen. Einige müssen sterben, das ist sehr traurig, aber am Ende gewinnen sie doch. An den Tod sollte man erst gar nicht denken, es ist viel wichtiger, fest an den Sieg zu glauben, dann klappt das schon. Mach dir keine Sorgen, noch bin ich ja hier…“ Seine unverstellte Offenheit war anrührend und verwirrend zugleich. Ich begann nach den richtigen Worten zu suchen, nach einer Antwort, ohne ihn belehren zu wollen. Seine durch und durch kindliche Begeisterung galt einem Fantasy Spektakel. Warum auch nicht? Ja, ein Film; nicht mehr und nicht weniger, bloß nicht immer in allem etwas sehen wollen. Ich sah ihn an. In seinen Augen war zu lesen, was er von mir hören wollte. Es behagte mir nicht, ihn enttäuschen zu müssen, und im Grunde ging es mich auch gar nichts an. Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit würde ich ihn niemals wiedersehen. „Du hast recht, das ist eine sehr spannende Geschichte. Für meinen Geschmack allerdings ein bisschen zu gruselig, all diese schrecklichen Monster…das Blut…die abgetrennten Köpfe…die vielen Toten.“ Sein Seufzer klang sowohl erleichtert als auch unüberhörbar stolz. – „Für mich nicht, ist doch nur ein Film, da fließt kein richtiges Blut, ist alles nur rote Farbe, obwohl, echt sieht es schon aus, sogar ziemlich echt. Mir macht so etwas gar nichts aus, ganz im Gegenteil; anschließend schlafe ich immer tief und fest wie ein Murmeltier. Ist schon klar, Mädchen tun sich damit schwerer. Wir Jungs sind halt anders. Gut, die ersten Male, da musste ich mir ab und zu die Augen zuhalten, nur ein einziges Mal, da hatte ich hinterher richtige Bauchschmerzen, aber sag das bloß niemandem weiter.“ Verlegen lachend senkte er den Kopf. Wir schwiegen beide. Meine Hoffnung, er würde mehr über sich preisgeben, erfüllte sich nicht. Er hob den Kopf und umfasste mit beiden Händen sein Gesicht. „Ist das alles?“ Während er mich neugierig ansah, bog sich seine Unterlippe schmollend nach außen. Er war wirklich noch ein Kind. – „Es tut mir sehr leid, aber ich muss jetzt gehen. Sie warten schon eine geraume Weile auf mich und werden sich längst fragen, wo ich so lange bleibe. Wie gut, dass deine Tür offen stand, besser noch, dass ich dich ein wenig kennenlernen durfte.“ Freudestrahlend, ein rötlicher Schimmer überzog seine Wangen, schüttelte er abwehrend und zugleich ein wenig trotzig den Kopf. – „Aber hast du es auch gespürt? Sag schon! Diesen Sog…“

Zum ersten Mal fragte ich mich, ob er nicht zu jung für all das war; zu allein, viel zu allein, hier, an diesem heimatlosen Ort, in diesem Hotelzimmer, das sich trotz des ausgesuchten Mobiliars so leer und kalt anfühlte. Unvermittelt stieß er einen kurzen Schnaufer aus, der mich zum Lachen brachte. „Du kannst jetzt nicht einfach so gehen, außerdem: Ich weiß noch nicht einmal deinen Namen.“ – „Oh ja, verzeih‘ mir, du hast völlig recht! Wie konnte ich nur vergessen, mich vorzustellen! Fanny. Ich heiße Fanny. Und du? Wie heißt du?“ Er schien in Gedanken schon wieder ganz woanders zu sein, vergeblich wartete ich auf eine Antwort. – „Also hast du? Hast du es auch gespürt? Dieses Kribbeln …“ Er ließ einfach nicht locker. Seine Hartnäckigkeit begann mich zu amüsieren. – „Nein, nicht so wie du. Der König wird am Ende mit seinen tapferen Recken die Bösen besiegt haben, nicht wahr?“ – „Ja, und wie!“ Ich holte einmal tief Luft. – „Du musst sehr mutig sein. Das Böse bekämpfen zu wollen ist eine große Sache, da braucht es viel Mut, und glaube mir, es gehört auch Mut dazu, nicht mitzumachen. Ich weiß, du möchtest richtig kämpfen, alles auf eine Karte setzen und gewinnen, genauso tapfer sein wie die umjubelten Helden in deinem Film, habe ich recht? Mir hat das auch gefallen, dass sie das Böse besiegt haben, doch das ist nicht alles. Die Dinge sind nicht immer so, wie sie zu sein scheinen. Was ich dir jetzt sagen werde, wird dir sicherlich nicht gefallen, aber ich kann nicht anders. Schlachtfelder sind fürchterliche Orte; die fürchterlichsten überhaupt. Tausendmal grausamer als all das, was ein Film je zu zeigen vermag. Deine tapferen Recken sind am Ende glorreich zu ihren Familien zurückgekehrt. Die Wahrheit aber ist, einen Kampf wie diesen überleben in der Realität nur sehr wenige. Die furchtlosesten Krieger, die wagemutigsten Helden sind die ersten, die sterben müssen. Eine Schlacht kennt keine Gewinner, verstehst du, was ich meine? Selbst der gefeierte und umjubelte Held kehrt als ein anderer zurück.“ – „Aber warum?“ – „Er hat zu viel gesehen.“ Der Junge sah mich mit einem sehr ernsten Blick an und nickte. Enttäuscht presste er seine Lippen fest aufeinander. Die blauen Augen verdunkelten sich, nur ein winziges ängstliches Flattern der Augenlider verriet, wie groß seine Anspannung war. Schweigend verharrten wir so eine Zeit lang. „Ja, ich weiß, aber das verstehst du nicht.“ – „Vielleicht doch?“ Sekunden später fiel nur ein einziges Wort. – „Trotzdem.“

Plötzlich wusste ich, warum mir sein Blick so vertraut war. Am nächsten Tag stand ich nach einer schlaflosen Nacht erneut vor seinem Hotelzimmer, inständig hoffend, ihn noch anzutreffen, nicht zu spät gekommen zu sein. Er musste es einfach wissen! Ich klopfte einmal, zweimal, rief seinen Namen, rief lauter, begann ungeduldig gegen die Tür zu hämmern, weil ich nicht einsehen, es nicht hinnehmen wollte, was so offensichtlich war.

Er war fort.

Vierzehn Jahre später …

Wenn du Gott amüsieren willst, erzähle ihm von deinen Plänen. (sprichwörtlich)

  1. Flughafen Charles de Gaulle. Paris

Niemand kann sich der Magie, die ein Flughafengebäude umgibt, entziehen. Eine rationale Erklärung gibt es dafür nicht. Vielleicht lässt sich diese, durchaus irritierend zu nennende Anziehungskraft damit erklären, dass jeder Mensch, der dort für kurze oder längere Zeit verweilt, verweilen muss, einen Abdruck hinterlässt, ein ganz und gar ein einzigartiges Muster. Folglich, nehmen wir einfach mal an, diese gewagte, zweifellos absurde, nichtsdestotrotz amüsante Hypothese entspräche der Wahrheit, müssen es Millionen und Abermillionen von Spuren sein, die Tag für Tag und Jahr für Jahr an einem so unglaublich geschwätzigen und zugleich einsamen Ort zurückbleiben. Ein unüberschaubares Sammelsurium millionenfacher Gedankenfäden. Ein bodenloser Ozean voller Worte, blutjunge Liebesschwüre, für immer verborgen geglaubte Geheimnisse, Tagträume, Sehnsüchte in allen Sprachen, Luftschiffe voller Glück oder Melancholie, Schuldgefühle, Trauer. All das entschwunden, versickert wie altes Regenwasser, auf ewig fort, jedoch: gegen alle Logik immer noch da. Was für eine verlockende Vorstellung! Eine unendliche Symphonie zu Boden gefallener Buchstaben. Zwischen Diesseits und Jenseits. Soeben noch da und schon im Gestern. Irgendwo. Vielleicht hinter der Zeit. Kurzum: Gott weiß wo.                                                                Schicht für Schicht bilden die unsichtbaren Überbleibsel aus der Vergangenheit ein unermesslich großes Gespinst, bestehend aus all dem, was uns ausmacht, was wir sind, was wir irgendwann in einem einzigen Moment; so flüchtig wie ein Wimpernschlag, ersehnt oder erträumt, geliebt oder gefürchtet haben. Fragile Seelenmuster, für eine kurze oder längere Zeit verweilend, festgehakt in den zahllosen Mauerritzen des Terminals; mal hier, mal dort, mal oben, mal unten, unterworfen einem Prozess ständiger Veränderung. Moleküle menschlicher Seelenlandschaften, umgewandelt in einen Zustand, den wir uns nicht vorzustellen vermögen. Sie umgeben uns, berühren uns, irren herum, ohne dass wir ihrer gewahr werden. Ahnungslos trampeln wir, unsere Koffer mehr oder weniger missmutig hinter uns herziehend, durch dieses unendlich große Gewirr zurückgebliebener Erinnerungen hindurch. Bleiben von Zeit zu Zeit stehen, überlegen kurz, drehen den Kopf mal nach rechts, dann wieder nach links – und gehen schlussendlich weiter.

Also gesetzt den Fall: Was geschieht mit all den verwaisten Hinterlassenschaften? Sind sie von Langeweile geplagt? Haben sie einen Nutzen oder so etwas wie ein Bewusstsein? Sind sie in der Lage, untereinander zu kommunizieren? Hängen sie sich penetrant an unsere Rockschöße? Lösen sie sich irgendwann auf? Schweben sie von Ewigkeit zu Ewigkeit feenhaft durch Raum und Zeit? Haben sie eine Aufgabe zu erfüllen? Beeinflussen sie gar den Ablauf der Geschichte? Sind sie es, die uns –  gegen alle Vernunft – dazu bringen, unvermittelt nach links abzubiegen, anstatt wie geplant nach rechts? Bilden sie womöglich in ihrer Gesamtheit das Gedächtnis eines Ortes, eines Hauses, vergleichbar mit den Veränderungen auf unserer Haut, ihren Narben und Falten, die vom ersten Atemzug an entstehen und uns fortan ein Leben lang begleiten werden? Ein von zarten Linien durchzogener Mantel: betörend weich, duftend, unter dem ein Herz pocht, das uns atmen lässt. Ein Mantel wie ein Gemälde, das sich Tag für Tag, Jahr für Jahr füllt. Spiegel unserer selbst. Könnte sich vielleicht hinter dieser ominösen, ganz und gar unwissenschaftlichen Theorie über die Existenz unvergänglicher Spuren genau das verbergen, was ein so wunderlicher Begriff wie ‚vergeheimnisst‘ zu umschreiben versucht?

Erinnern wir uns an die tiefe Ehrfurcht und Bewunderung, von der wir überwältigt werden, wenn das prachtvolle Portal einer Kathedrale sich öffnet. Ein altes Kloster, das wir betreten, irgendeines der großartigen Kunstwerke der Architektur, deren Schönheit und Vollkommenheit uns jedes Mal erneut in Erstaunen versetzen. In Stein gehauene mathematische Perfektion. Von Meistern erschaffen, deren unübertroffene und gleichermaßen geniale Baukünste es überhaupt erst möglich gemacht haben, dass die kolossalen Wunder aus Stein jahrhundertelang vermochten, ihrem eigenen Verfall, den Kriegen und Naturkatastrophen, all den Wirren der Zeiten stoisch zu trotzen. Wir wissen nicht, warum, aber im Innenraum eines solchen Gewölbes stehend, fühlen wir uns auf eine besondere Art ergriffen. Die betörenden Klänge einer Orgel bringen uns zum Schweigen. Das Läuten uralter Glocken lässt uns innehalten. Verwundert horchen wir auf. Ja, einen winzigen magischen Moment lang, erfasst von einem Hauch kindlicher Verzückung, glauben wir, von etwas sehr Altem berührt zu werden. Wir verspüren den Wunsch, uns zu verneigen und demütig auf die Knie zu sinken. Ist da noch jemand? Jedes Wunder scheint denkbar, jeder Wunsch erfüllbar, so wie damals, als wir noch Kinder waren und die Welt, durch die wir staunend stapften, ein verwunschenes Land war, ein Garten Eden, in dem selbst die kleinsten Dinge Magie besaßen. Ach, wie lang ist es her, seit wir die Zauberschuhe ausgezogen haben. Die meisten von uns widerstehen natürlich solcherart wundersamen Eingebungen und schütteln sie sogleich mühelos wieder ab. Das Leben hat uns längst gegen Versuchungen aller Art gefeit, und machen wir uns nichts vor, das dicke Fell haben wir uns hart erarbeitet. Und doch: Sieht man ganz genau hin, erhascht man ein entrücktes Lächeln in den Gesichtern zahlloser Besucher, wenn diese zügig und auf eine besondere Art verwirrt dreinschauend die heiligen Hallen verlassen. Was machen solche Erlebnisse mit uns? Wirken sie nach? Verändern sie irgendetwas?

Wir fühlen uns von bestimmten Häusern angezogen oder wollen stehenden Fußes aus ihnen fliehen. Warum manche Orte geheimnisumwoben sind, andere uns traurig oder aber heiter stimmen, wieder andere als leblos und kalt empfunden werden, dafür gibt es keine wirklich einleuchtende Erklärung. Stein ist nicht gleich Stein, diese nüchterne Erkenntnis bestätigt jeder Denkmalschützer. Fragt man nach, was darunter zu verstehen sei, zuckt der eine oder andere gleichmütig mit den Schultern und antwortet: „Hin und wieder müssen wir Teile eines Fundamentes ersetzen, schön und gut, aber es ist hinterher nicht mehr dasselbe. Ein 300 Jahre alter Stein, der einem Haus von Beginn an gedient hat, ist mit einem neuen und identisch geformten Mauerstein nicht zu vergleichen. Unbestritten handwerklich perfekt gemacht, äußerlich nicht zu unterscheiden vom ursprünglichen Mauerwerk, trotzdem: Jacke wie Hose! Ein Witz! Kein Leben drin, somit vollkommen bedeutungslos. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Ist halt so.“ Alte Häuser haben eine Seele, berichten erfahrene Zimmermänner unisono, und sie meinen es tatsächlich ernst. „Die Leute glauben, das ist nur ein totes Ding aus Stein und Holz, aber ich sage Ihnen jetzt mal was. Diese verdammte alte Bruchbude lebt, ja, sie strotzt nur so vor Persönlichkeit.“ – „Eine was? Mit Verlaub, Sie wollen mir einen Bären aufbinden …“ – „Glauben Sie es oder glauben Sie es nicht. Fakt ist, da steckt mehr drin, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Wer alten Häusern keinen Respekt entgegenbringt, so jemand liegt irgendwann mausetot unter einem Dachbalken begraben. Ja, lachen Sie nur! Ich könnte Geschichten erzählen, da würden Ihnen die Haare zu Berge stehen. Was es ist, kann ich nicht sagen, aber dass da etwas ist, steht außer Frage. Basta.“ Mehr bekommt man aus ihnen nicht heraus.

Und dann wäre da noch der Zufall, der viel zu wenig beachtet, mehr noch, inzwischen arg vernachlässigt wird. Der Zufall hängt sich Tag für Tag an unsere Rockzipfel. Er ist unser treuer Wegbegleiter, der kleine Bruder des Schicksals, gewissermaßen so etwas wie sein Vorbote. Er beeinflusst maßgeblich unser ganzes Leben und kein Mensch wird diese Tatsache je bestreiten wollen. Der Zufall hilft uns auf die Sprünge, lässt uns die große Liebe finden – oder auch nicht, im anderen Fall verhindert er womöglich, dass wir am Flughafen rechtzeitig eintreffen, weil wir, einen kurzen Moment lang unaufmerksam, mitten in einen Stau hineinfahren. Fraglos eine unverzeihliche Dummheit, aber so etwas passiert nun mal. Verschwitzt und außer Puste, fluchend, ja, kurz davor – sämtliche unserer zivilisierten Verhaltensweisen über Bord zu werfen, stehen wir sechzig Minuten später am Schalter des Terminals und betteln inständig darum, dass für uns eine Ausnahme gemacht werden möge. Wir müssen in dieses verdammte Flugzeug einsteigen. Wir müssen da rein! Ach, wie vergeblich unser Verlangen. Zwar steht das Flugzeug noch auf dem Rollfeld, jedoch hätten wir uns die peinliche Demutsgeste, das – seien wir ehrlich! – ausgesprochen schleimige Anbiedern wahrlich sparen können: Man bietet uns mit einem bedauernden Lächeln, das uns auf der Stelle nur noch wütender macht, einen Platz in einem Flugzeug zu einem späteren Zeitpunkt an. Das Ticket zu einem Preis, der uns schmerzhaft zusammenzucken lässt. Und nun? Wir werfen ein weiteres Mal hektisch unsere Arme in die Luft, klappern nervös mit den Augenlidern, der Puls rast wie verrückt und unser Herz pumpt und pumpt und vollführt wilde Kapriolen. In unserer Verzweiflung starten wir einen letzten Überredungsversuch; eine flammende Rede soll uns doch noch zum Ziele führen. Nie waren wir leidenschaftlicher! Nie argumentativ überzeugender! Wir wollen auf Gedeih und Verderb den schönen Engel mit den eiskalten Augen, der unser Flugticket mit spitzen Fingern in den Händen hält, herumkriegen; egal wie! Jedes Mittel ist uns recht. Schlimmeres behalten wir lieber für uns, aber ach! – umsonst… ganz für die Tonne. Schlussendlich geben wir auf und schleichen zornerfüllt und gedemütigt von dannen. Soll uns jetzt nur keiner in die Quere kommen! Jeder, der schon einmal dasselbe durchgestanden hat, wird also nachempfinden können, was in einer derart misslichen Situation in einem vorgeht. So ein Erlebnis ist ärgerlich, aber seien wir fair, es gibt Schlimmeres.

Und doch: In seltenen Fällen können Missgeschicke dieser Art ein Leben von Grund auf verändern. Wenig später wird sich nämlich herausstellen, dass uns; wir wissen es nur noch nicht, das Leben ein zweites Mal geschenkt worden ist. Auf dem Rückweg zum Parkhaus erfahren wir, dass genau dieses Flugzeug, das wir um nur wenige Minuten verpasst haben, soeben abgestürzt ist. Eine fürchterliche Katastrophe. „Was für ein unglaublicher Zufall!“, rufen wir fassungslos aus, laut aufstöhnend, erschüttert und schluchzend vor Mitgefühl angesichts der Tatsache, dass so viele Menschen ihr Leben auf eine derart sinnlose Weise verloren haben. Gleichzeitig überwältigt vor Freude und Erleichterung darüber, selbst noch einmal davongekommen zu sein, wenn auch tief im Innersten beschämt und schuldbewusst über dieses unverdient himmlische Los, das all die anderen, die im Flugzeug saßen, nicht bekommen haben.

Warum ist das so? Was ist Schicksal? Wer kann Fügung erklären? Wohl denn! Seien wir selig über solch ein unfassbares Glück, das über uns ausgeschüttet wurde. Feiern wir das Leben, das wir plötzlich als ein unermesslich kostbares Geschenk begreifen. Fast wäre es zu spät gewesen. Jubeln wir darüber, unter den noch Lebenden zu sein, fallen wir demütig auf die Knie, dass uns dieses eine Mal noch Aufschub gegeben worden ist. Keiner weiß, wie lange noch, aber eines wissen wir ganz genau: Ein zweites Mal wird es nicht geben. O ihr Mächte! Danke, dass es überhaupt zu diesem vermaledeiten Stau gekommen ist, in den wir ganz und gar zufällig hineingerieten. Unser innigster Dank gebührt dem unbekannten Fahrer des blauen Transporters, der es versäumt hatte zu überprüfen, ob seine 200 Obstkisten auch wirklich ordnungsgemäß befestigt worden waren – sie waren es nicht –, was zur Folge hatte, dass sich die regennasse Straße an jenem schicksalsträchtigen Morgen in eine glitschige Rutschbahn verwandelte. Es roch meilenweit nach Apfelmus. Die Autobahn konnte infolgedessen über eine Strecke von drei Kilometern lediglich einspurig, noch dazu nur in Schrittgeschwindigkeit, befahren werden. Und hoppla! – hast du nicht gesehen, war der bleiche Fuhrmann, auf dessen Kutschbock unser Name schon fest verankert worden war, der Kutscher, der uns schnurstracks ab in die Ewigkeit hätte bringen sollen, wieder aus dem Spiel. Der Tod, der uns so sicher war. Huch! Die Freudentränen wollen gar nicht mehr aufhören zu rollen. Ist das nicht total verrückt? Unbegreiflich? Wochen später fragen wir uns zweifelnd, ob dieses göttliche Geschenk, das uns der Zufall zugespielt hatte, nicht doch eher zum Fürchten sei. Aber wovor sollten wir uns fürchten? Nichts da! Kehren wir also alle Zweifel beiseite und preisen lieber die süße, saftige Frucht in höchsten Tönen. Her damit! Ein Leben ohne Äpfel ist für uns fortan nicht mehr vorstellbar, was zu mancherlei Irritationen in unserer Umgebung führt. Säckeweise angeliefert verteilen wir sie im ganzen Haus. Die runden Früchte liegen in formschönen Schalen, sie rollen uns, nicht selten bräunlich verfärbt, aus Schubladen und Schränken entgegen. Äpfel lagern in Kisten unter dem Bett und schrumpeln im Gästezimmer vor sich hin, sie verteilen sich dutzendfach in der Küche und baumeln in diversen Netzen von Zimmerdecken herab, ja, selbst im Badezimmer kommt man nicht an ihnen vorbei. Freunde und Verwandte geben zartfühlende Hinweise, dass es möglicherweise sinnvoll und hilfreich sein könnte, einen Psychiater zu konsultieren. Sie begründen ihre liebevoll-besorgten Ratschläge weniger mit dem Vorhandensein der vielen rotbackigen Früchte, sondern aufgrund weiterer, neu hinzugekommener Marotten, denen wir leidenschaftlich frönen, schlimmer noch; die wir hemmungslos ausleben. In unzähligen Gesprächsrunden, denen wir mit gutem Grund fernbleiben, wird ungebremst über unser exzentrisches Verhalten getuschelt und getratscht. Recht haben sie! Na und? Sind sie blind? Es ist fort! Unser schönes, zugegebenermaßen etwas oberflächliches, aber wunderbar bequemes Leben hat sich – husch! husch! – auf- und davongemacht, und kein Mensch, kein Aas, kein Teufel, wirklich keine Seele hat uns darauf vorbereitet. Sollen wir uns von nun an lebenslang schuldig fühlen? Nichts da! Seltsamerweise trauern wir dem alten Leben kaum hinterher. Ja, seltsam ist das richtige Wort. Irgendetwas hat sich seit dem fürchterlichen Flugzeugabsturz, den wir auf diese kuriose Weise überlebt haben, verändert. Was es ist, wissen wir nicht, aber eines ist klar: Das Leben ist kurz. Verdammt kurz! Sie haben keine Ahnung, wie kurz.

Alles in allem haben wir jedoch wenig Grund zur Klage. Es geht uns gut, wirklich gut, bis auf die windzerzausten Nächte, in denen der Sturm ungestüm an den Fensterläden rüttelt und wir eine in Nebelfetzen eingehüllte, knochige Gestalt zu sehen glauben, die uns, vom gleißenden Mondlicht erhellt, aus der Ferne bedauernd zuwinkt. Schaudernd wird uns in solchen Momenten bewusst, dass unser Leben an einem dünnen, an einem sehr dünnen Faden hing. Weiß Gott! Gerade noch einmal davongekommen, was für ein Glück! Aber stimmt das überhaupt? Ist das Leben wirklich so einfach strukturiert, so dermaßen banal? Und wenn nicht, was ist es dann? Tatsache ist, wir machen weiter und weiter; tagein, tagaus, überzeugt davon, dass wir alles, aber auch alles sicher im Griff haben. Das Leben ist berechenbar. Wir haben es unter Kontrolle. Meistens jedenfalls, und im Großen und Ganzen auch die Liebe. Diese – landauf, landab anzutreffende Überzeugung – ist, angesichts der alltäglichen Erfahrung, dass unser Dasein in seiner beeindruckenden Komplexität nur ansatzweise beherrschbar ist, eine weitere Illusion, der wir widerstandslos, nahezu watteweich und allzu bereitwillig erliegen. Und das, obgleich uns die schnöde Realität doch beinahe jeden Tag etwas anderes lehrt.

Wir verlassen am Morgen satt und zufrieden das Haus, um bei unserer Rückkehr am Abend feststellen zu müssen, dass nichts mehr so ist, wie es war. Taumelnd fallen wir auf die Knie und stoßen ein lautes Wutgeheul aus. Warum? Warum wir? Warum nicht der hässliche Geizhals von nebenan? Oder das zänkische Weib von schräg gegenüber? Das kann doch nur ein Irrtum sein! Was haben wir verbrochen? Womit haben wir das verdient? Waren wir nicht seit Jahr und Tag ordentlich und fleißig und anständig? Haben wir nicht immer unsere Steuern brav bezahlt und Tag um Tag den Buckel krumm gemacht? Wer hat geschuftet und geackert und sich geplagt von früh bis spät? Wir natürlich! Verdammt, welcher dumme Idiot hat uns aus dem Hinterhalt diesen hundsgemeinen Knüppel vor die Füße geworfen? Aber ach, all das Hadern und Jammern hat keinen Sinn. Was soll folglich das ganze Lamento? Das überflüssige Zetermordio? Was ist schon passiert? Das Schicksal, gnadenlos wie es nun einmal ist, hat ratzfatz zugeschlagen und unseren perfekt durchorganisierten Lebensplan durchkreuzt. Ohne Vorankündigung. Knall auf Fall. So ist das nun mal. C’est la vie! Und nun? Nichts! Nichts ändert sich. Wir kleben unerschütterlich an unseren zementierten Vorstellungen, an dem ganzen Klein-Klein, an all den vermeintlichen Sicherheiten, derer wir habhaft werden können. Alles soll genauso bleiben, wie es ewig und drei Tage war. So und nicht anders. Wer will das nicht? Und doch weiß jeder von uns tief in seinem Innersten, dass er im Grunde nichts weiß. Das Leben macht, was es will. Wir können noch so viele Versicherungen abschließen und Vorsicht walten lassen, am Ende erwischt es uns doch. Das letzte Hemd hat bekanntlich keine Taschen. Und obwohl diese Binsenweisheit selbst dem größten Dummkopf bekannt ist, behaupten wir steif und stur das Gegenteil. Warum auch nicht? Man will ja schließlich seine Ruhe haben.

Die Wahrheit ist, wir wissen nicht einmal, ob wir den nächsten Tag erleben werden. Manch einer stirbt nur deshalb, weil er zu spät das Haus verlässt, oder aber eine fatale Fehldiagnose: Ärzte sind schließlich auch nur Menschen, lässt den Tod flugs herbeieilen. Schlimm ist so was. Gemein. Andere hingegen sterben einfach nicht, obgleich ihnen auf eine unangenehm plump-freche Art unmissverständlich geraten wird, schon mal den Sarg zu bestellen. Das war’s also. Aus und vorbei. Auf Wiedersehen, Leben. O Himmel! O weh! Austherapiert nennen es die Ärzte hinter verschlossenen Türen. Austherapiert? Dieses grausliche Wort, das jeden Todkranken, der es hört, sofort mürbe macht, mehr noch; aschfahl zusammensacken lässt, muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Ein derart kalter und gänzlich gefühlloser Begriff für ein Ereignis, das in seiner Größe, Einmaligkeit und Absolutheit unwiederholbar ist, verdient unser aller Mitleid. Nicht einmal die eigene todbringende und infolgedessen verhasste Krankheit hat eine so niederträchtige Bezeichnung verdient. Austherapiert… Na, wartet nur! Wir, dem Tode längst geweiht, bäumen uns wütend ein letztes Mal auf. Vom Leben verraten, von den Ärzten, von unseren Angehörigen, von wem auch immer, fällt uns ganz am Schluss noch jemand ein; gerade noch so! Und wenig später beginnen wir ein stummes, aber feuriges Zwiegespräch: ‚Hallo Gott, wo bist du? Schläfst du? Tu was, verflucht noch mal! Lass mich doch nicht hängen! Das kannst du nicht zulassen! Können wir das Ganze nicht ein wenig verschieben? Nimm es bitte nicht persönlich, aber das kann nur ein Versehen sein! Gerne schnüren wir ein andermal klaglos unser Bündel und kommen dann auch ganz ohne Gejammer und Gegreine mit, versprochen! Nur später, ein paar Jährchen später, doch nicht jetzt! Nicht so bald!‘ Nichts zu machen. ER stellt sich stur. Schon wollen wir aufgeben, nicht zuletzt eingedenk unseres umfänglichen Sündenregisters, das penetrant vor unserer Nase baumelt und sich einfach nicht wegschieben lässt. Im Angesicht des Todes hüten wir uns wohlweislich, all die kleinen und großen Schandtaten und Verfehlungen, die wir im Laufe der Jahre angehäuft haben, zu leugnen oder gar abzustreiten. So dumm sind wir nun auch wieder nicht! Man weiß ja nie, was einen erwartet. Der eilig herbeigerufene Priester steht derweil scharrenden Fußes vor unserer Tür, doch dann, in letzter, in wirklich allerletzter Minute beschließen wir mit bebender Brust und mit wild klopfendem Herzen der Spielverderber zu sein.

Sterben? Leichengrube? Nichts da! Ihr könnt uns mal! Loslassen? Ihr habt sie wohl nicht alle! Von einem Tag auf den anderen hören wir auf, die tödliche Diagnose zu akzeptieren, weil uns irgendetwas sagt; ein Flüstern, eine innere Stimme, etwas, das wir weder erklären können noch wollen, dass wir es schaffen können. Und siehe! Zur unendlichen Verblüffung aller, einschließlich unserer Bäche an Tränen vergießenden Angehörigen, die zwischenzeitlich zu der festen Überzeugung gelangten, dass wir nicht nur sterbenskrank, sondern verrückt geworden seien, war dieser im wahrsten Sinne des Wortes letzte Versuch erfolgreich. O ihr Götter! Lasst die Trompeten erschallen! Ein Wunder ist geschehen! Derweil wird im Zimmer des Chefarztes hektisch nach einer Ursache oder zumindest nach einer logisch nachvollziehbaren Erklärung gefahndet. Wie um Himmels willen konnte so etwas geschehen? Der Chefarzt, dessen Augenlider nervös zucken, verwendet den Begriff ‚Spontanheilung‘, und er sucht sichtlich gequält und mit belegter Stimme nach den richtigen Worten. „Na, da haben Sie aber noch einmal richtig großes Glück gehabt!“              Glück gehabt? Spontanheilung? Was soll der Blödsinn? Können sie nicht einmal, nur ein einziges Mal ihr großes Mundwerk halten und stattdessen demütig ihr Haupt senken und schweigen? Sich verneigen vor dem Leben? Vor dem Unerklärbaren? Egal, sollen die Weißkittel reden, was immer sie wollen. Zum Teufel damit! Die Hauptsache ist, wir sind dem Sensenmann noch einmal von der Schippe gesprungen. Aus Dummheit sterben zu müssen, auch das kommt übrigens – leider, leider – gelegentlich vor, ist vielleicht das Allerschlimmste, was uns ereilen kann, aber kann man dagegen etwas tun? Nein, völlig ausgeschlossen, schließlich sind wir selbst schuld, wenn wir nicht aufpassen oder unser Leben törichterweise anderen überlassen. Die Frage lautet: Steckt ein Plan dahinter? Gott? Wirklich alles nur ein Zufall? Es gibt keine Zufälle. Oder doch? Man kann es drehen oder wenden, wie man will. Das Leben ist und bleibt ein Geheimnis.

Weniger geheimnisvoll und schon gar nicht zufällig ist die leidige Erkenntnis, dass uns jedes Warten auf einen Abflug eine Art Resümee aufzwingt, so etwas wie eine kleine Lebensbeichte, wobei: So richtig tief steigen wir natürlich nicht in unsere Abgründe hinab, das wäre aufgrund der Umstände auch wirklich zu viel verlangt, aber immerhin, wir lassen es, wenn auch widerstrebend – zu. Nicht zuletzt deshalb, weil uns schmerzlich bewusst wird, dass wir an einem Ort wie diesem keinen Einfluss mehr haben. Kein Geld der Welt kann an dieser unumstößlichen Tatsache etwas ändern. Wir haben weder Einfluss darauf, ob der Start pünktlich erfolgt, noch ob der stählerne Vogel sich überhaupt in die Luft erhebt, ganz zu schweigen davon, ob die Pilotencrew über eine angemessene Ausbildung verfügt. Wir sind also gezwungen, uns mit Haut und Haaren auszuliefern. Absurderweise tun wir das, trotz dieses Wissens – ganz und gar freiwillig, nun ja, vielleicht nicht ganz so freiwillig. Um da gut durchzukommen, ist eine Menge Hoffnung vonnöten. Ein gesunder Fatalismus und eine robuste Persönlichkeitsstruktur können außerdem nicht schaden. Schwarzer Humor kann hilfreich sein, ist aber nicht jedermanns Sache. Der Glaube an ein höheres Wesen ist eine weitere, mit Sicherheit nicht die schlechteste Alternative. Ist es nicht bemerkenswert, dass immer dann, wenn wir den Boden unter unseren Füßen verlieren, in irgendeine Bredouille geraten oder – welch haarsträubende Vorstellung! – wenn Gevatter Tod versehentlich an unsere Tür klopft, das längst aus der Mode gekommene, das gute alte Gebet hervorgekramt wird? Keiner will freiwillig gehen. Und so kommt es, dass dieser und jener vor einem Abflug, wenngleich klammheimlich und verschämt, schnell noch ein Vaterunser flüstert. Es könnte ja sein, dass dort oben oder irgendwo sonst, trotz aller gegenteiliger Behauptungen, jemand ist, und falls ja, möge ER bitte seine schützende Hand über uns halten. Seltsam, am Ende klappern wir mit den Zähnen und sichern uns schnell noch nach allen Seiten ab, kann schließlich nicht schaden, sicher ist sicher. Und so wird rasch noch ein inbrünstiges Flehen hinterhergeschickt: ‚Bitte, bitte, lass mich heil wieder herunterkommen, ich habe Kinder, Familie, Verpflichtungen …‘ Kann man es uns verübeln? Kurzum: Vom Zeitpunkt des Starts bis zur Landung – und das kann eine verdammt lange Zeitspanne sein, sind wir auf Gedeih und Verderb gezwungen, unser Leben aus den Händen zu geben, im Vertrauen auf wen oder was auch immer. Insbesondere darauf, dass das Schicksal oder die Piloten nicht gerade einen schlechten Tag haben, zudem mögen bitte Turbulenzen jeglicher Art ausbleiben. Wehe dem, der dieses kindliche Vertrauen nicht hat und trotzdem einem Flug nicht ausweichen kann. Das sind wirklich bedauernswerte Geschöpfe, die man leicht an ihren ängstlich geweiteten Pupillen erkennen kann, und wie sie sich unsicher an ihrem Handgepäck oder an ihrer Begleitung festklammern. Wir anderen laufen ungeduldig und unstet, aber deutlich entspannter durch die Hallen des Terminals, sehen dabei wiederholt auf die Uhr und halten ab einem bestimmten Zeitpunkt, nachdem wir diverse Kreise gezogen haben, Ausschau nach einem freien Sitzplatz.                                                           Irgendwann ist es so weit. Innerlich besiegt sinken wir nieder, uns grämend über die soeben angekündigte Verspätung und beginnen, der Verzweiflung nahe, über dies und das zu sinnieren; was man halt so macht, wenn die Zeiger der Zeit quälend langsam vorrücken. Muss das alles sein? Was mach ich überhaupt hier? Zutiefst erschöpft von all dem menschlichen Gewimmel und Gewusel, von all den Geräuschen, zudem maßlos gelangweilt, fangen wir an darüber nachzugrübeln, welcher Koffer unter den vielen ein Geheimnis in sich birgt. Auch völlig sinnfreie Überlegungen, wie zum Beispiel, ob eine Reisetasche einem bestimmten Passagier ohne weiteres zugeordnet werden kann, können das Warten auf amüsante Weise verkürzen. Leider erschöpft sich auch dieses infantile Spiel allzu bald, und um der Ödnis, die sich nun vollends auftut – zu entrinnen, geben wir kurz danach unseren letzten Rest an guter Erziehung auf und starren völlig ungeniert irgendwelchen Reisenden hinterher. Wir fragen uns, welches der zahllosen Leben unter den vielen namenlosen, die schnellen Schrittes und ohne anzuhalten an uns vorbeihasten, wohl geglückt sei. Eine weitere Viertelstunde später suchen wir unauffällig und sehnsüchtig nach einem Lächeln, nach einem Gesicht, dem wir auf der Stelle folgen würden wollen. Was wäre, wenn. Was wäre, wenn nicht. Nimmt das Warten gar kein Ende oder fehlt jegliche anderweitige Ablenkung, verlieren wir uns zu guter Letzt in noch abstrusere Gedankenspiele, das heißt, wir verfallen in einen langen, in einen sehr langen Monolog.

‚Geht da noch was? Sollte ich ein ganz neues Leben beginnen? Warum eigentlich nicht? Habe ich überhaupt in den letzten zehn Jahren die richtigen Entscheidungen getroffen? Mal so, mal so… Im Notfall könnte das Haus mit Gewinn verkauft werden. Der ganze Ballast, den man so mit sich herumträgt. Ach, ich habe es so satt, dem schnöden Mammon Tag für Tag, Jahr für Jahr hinterherzulaufen. Und was käme dann? Eine Weltreise? Ja, das wäre genau das Richtige für mich! Nichtstun…einfach nur leben…lieben…wo ist sie hin, die verdammte Liebe? In Kneipen versumpfen, bis die Sonne aufgeht … wie damals … damals … war das nicht erst gestern? Museen besuchen… ins Theater gehen…mal wieder ein Buch lesen…eine neue Sprache lernen…auf einer Harley den alten Kontinent durchqueren…bis nach Grönland reisen…ein altes Haus restaurieren. Noch einen Sohn in die Welt setzen…und eine Tochter… besser noch: gleich eine ganze Kinderschar. Oder ein Segelboot? Ja, das wär’s, wobei; hat man erst ein Boot, braucht man auch ein Bootshaus oder einen Liegeplatz, sozusagen eine Kette ohne Ende. War das schon alles? Natürlich, ich wollte schon seit Jahr und Tag eine Tischlerwerkstatt haben, so ein Schuppen kostet allerdings auch Geld und ebenso viel Zeit und noch mehr Platz. Was solls! Ist vielleicht doch klüger, ich mach erst einmal so weiter wie bisher, alles muss gründlich bedacht und abgewogen werden, bevor man sich entschließt, sein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen. So ein Abenteuer ist nicht ohne Risiko. Am Ende lande ich noch mutterseelenallein auf der Straße, ohne Haus und Hof, alles verloren, alles verpufft. Liest man doch ständig in der Zeitung! Über den Tisch gezogen…zu hoch gepokert. Nein, nein! So verrückt bin ich nun auch wieder nicht! Da lob ich mir doch mein kleines und überschaubares Leben, irgendwann später ist immer noch Zeit genug. Wie konnte ich gestern nur so unwirsch am Telefon reagieren? Ach, egal… Wenn ich es mir recht überlege, es war vielleicht doch ein Fehler, kein Testament hinterlegt zu haben. Jeden Tag stürzt irgendwo auf der Welt so ein verdammtes Flugzeug ab, man muss nur die Nachrichten verfolgen, überhaupt: Warum habe ich eigentlich keine Ausbildung zum Piloten gemacht? Dann müsste ich hier nicht wie ein dummer Idiot herumstehen! Zum Privatflugzeug hat es nicht gereicht, nun ja, schließlich kann man nicht immer gewinnen. Nein, ich muss mich nicht verstecken, wirklich nicht, nicht viele meiner alten Mitschüler können sich so ein Auto leisten. Hoppla! Jetzt fällt es mir ein: Der Gasherd ist immer noch nicht bestellt worden und habe ich meinen Computer zu Hause heruntergefahren? Das ist es! Genau! Ich wusste doch, dass ich irgendetwas vergessen habe. Was ist, wenn das Flugzeug notlanden muss? Angst habe ich keine, das fehlte noch, obwohl: Sterben will ich auf gar keinen Fall. Wie das wohl ist, Sterben? Auf keinen Fall lustig, das ist schon mal klar. Das nächste Mal fahre ich besser mit dem eigenen Auto, ja, das ist eine gute Idee. Habe ich etwas vergessen? War da noch was? Da war doch noch was…bestimmt war da noch was.‘

Genau in so einem Moment, als sich auch der Restaurator Amadeus Glückskind fragte, ob da nicht noch etwas war, ob er vielleicht Wichtiges versäumt hatte zu erledigen, und mit dem nächsten Luftholen beschloss, dass er sofort nach seiner Ankunft Fanny anrufen müsse, um ihr zu sagen, wie sehr es ihm leidtue, wie sehr er sie liebe, wurde er darüber informiert, dass sich sein Abflug in den Jemen auf unbestimmte Zeit verzögern würde. Und plötzlich geschah etwas Unwirkliches. Ohne Vorwarnung, Amadeus war gerade im Begriff, sich verärgert in einen der festgeschraubten Sesselstühle fallenzulassen, auf dem ein unscheinbares braunes Couvert lag, sah er sich an einem Ort stehen, in eine Situation zurückversetzt, die er niemals vorgehabt hatte, ein zweites Mal durchleben zu wollen.

Viele Jahre zurück

  1. Das Geständnis

Scheinbar lässig an den Stamm des Kastanienbaumes gelehnt, ruhten meine Hände in den Hosentaschen. So tief versenkt, wie es nur ging. Es half nicht wirklich.

„Kein Wort, ich sage euch; kein einziges Wort darüber, dass wir ihn zur Schule beordert haben. Kein Wort über unseren gefälschten Brief, ist das klar? Habt ihr verstanden? Wenn nur einer von uns sich verquatscht, ist die Hölle los…“ Jonas flüsterte mit hörbar belegter und zugleich aufgeregter Stimme. Unruhig wandte er sich wiederholt nach allen Seiten um, jeden Busch, jeden Baum mit den Augen absuchend, sein angespannter Blick schweifte weiter über den Schulhof bis hin zur Sporthalle, deren Eingang von unserem Versteck aus einzusehen war. „Mein Alter würde mir das nie verzeihen, mich auf der Stelle enterben, wenn er erfährt, dass unser Zettel der Auslöser für diesen…für diesen…na, ihr wisst schon…für dieses Scheiß-Drama war. So eine verdammte Scheiße, Mannomann! Ich kann es immer noch nicht glauben. Was meint ihr, was abgeht, wenn rauskommt, dass wir Puck so auf die Schippe genommen haben? Na, was wird wohl passieren? An den Pranger werden wir genagelt, darauf könnt ihr wetten. Sie werden uns für die Tat verantwortlich machen, aber voll! Sie werden uns durch das Dorf treiben! Man wird es unseren Eltern anhängen, ist doch klar! Und die alte Brockmeier wird sich ins Fäustchen lachen, weil sie fein raus ist, obwohl sie Puck – wo es nur ging, auf ihre ganz spezielle Art Tag für Tag drangsaliert hat. Alle sind dann fein raus. Ha! Die warten doch nur darauf, endlich einen Schuldigen zu finden. Und wir, ja – wir – fliegen achtkantig vom Gymnasium. Ich sag’s euch: Das wäre unser Ende! FINIS! FINITO! Wollt ihr das?“ – „Aber was ist, wenn er auspackt…den Brief hervorholt…ich…ich…weiß nicht so recht.“ Robert knirschte unüberhörbar mit den Zähnen, zuckte ängstlich mit seinen Schultern und sah mich hilfesuchend an, worauf ihm Titus heftig in die Seite boxte. „Aber ich weiß es, Robbe, du hältst einfach dein Maul. So leicht geht das: einfach Maulhalten! Dabei fällt mir ein, war es nicht sogar deine gloriose Idee gewesen, diesen lustigen Zettel zu schreiben und Luisas Namen zu fälschen, du feiges Arschloch? Warst du nicht derjenige, der Amadeus dazu gedrängt hat, die Sätze zu schreiben? Hast nicht gerade du uns begeistert angefeuert? Und wer hat mir die Schere plötzlich in die Hand gedrückt, mich bearbeitet, dass ich seinen alten Lappen vor der Sportstunde im Umkleideraum einfach mal so zerteile? Ritsch, ratsch, schnippel, schnapp… Na, wer war das wohl, du kleiner Wurm? Unser Robert, das Schätzchen, das Streberlein, der jetzt auf einmal von alldem nichts mehr wissen will, den seine Erinnerung urplötzlich im Stich gelassen hat. Mitgefangen, mitgehangen, Jungs. Wir sagen nichts, einfach nichts. Ich stimme Jonas voll und ganz zu. Was passiert ist, ist passiert. Puck wird niemals ein Wort darüber verlieren, dafür lege ich meine beiden Hände ins Feuer. Der ist keine Petze, war er nie, außerdem ist er davon überzeugt, dass Luisa den Brief geschrieben hat, und für unser Mäuschen lässt der sich eher steinigen, als ihren Namen ins Spiel zu bringen. Ihr habt doch gehört, er schweigt seit dieser Nacht wie ein Grab. Und soll ich euch mal was sagen? Ich kann das gut verstehen; nicht ein Wort, nicht einen Mucks würden die von mir hören. Was ist? Warum starrt ihr mich so an? Ja, verdammt noch mal, glaubt ihr, ich finde das lustig? Seid ihr blöd oder was? Keiner von uns hat das gewollt, aber was soll es jetzt noch bringen, über unseren Brief zu lamentieren? Blödsinn! Puck hat ganz allein entschieden, zur Schule zu fahren, niemand hat ihn bedroht oder dazu gezwungen. Er hätte zu Hause bleiben können, aber das wollte er nicht. Kurz und gut, wir haben nichts damit zu tun, und seien wir ehrlich: Der wäre doch so oder so irgendwann durchgedreht, keiner hält so eine Hölle auf Dauer aus, denkt doch mal logisch! Was er getan hat, war letzten Endes Notwehr, das ist unbestritten. Seine kaputten Alten haben ihn seit Jahren wie einen Gefangenen gehalten, die sind doch verrückt, völlig krank, was weiß ich noch alles… Was wäre zum Beispiel gewesen, wenn Puck sich entschlossen hätte, zum Schulfest am nächsten Samstag kommen zu wollen? Ist doch vorstellbar, oder? Ich sage nur: Luisa… Peng! Hätte die Kripo dann die Schulleitung schuldig gesprochen? Natürlich nicht! Kapiert ihr das endlich? Leuchtet euch das ein, ihr Schlafmützen? Wer weiß, gut möglich, dass sein Alter ihn irgendwann umgelegt hätte, also vielleicht hat unser Zettel am Ende sogar Pucks Leben gerettet. Lach nicht so doof, Amadeus! Gut, wir haben ihm einen Streich gespielt. Wer von uns ist nicht in den letzten Jahren verarscht worden? Alle waren wir irgendwann mal dran, nicht nur einmal. Jonas hat völlig recht. Wir haben keine Schuld, wir sind schuldlos, hört ihr? He! Wer hätte denn auf so eine irre Idee kommen können, dass Puck seinen Alten umlegen würde, nur um eine Verabredung nicht zu verpassen? Also wer? Wollt ihr meine Antwort hören? Niemand unter dieser Sonne. Glückskind, was ist los? Enttäusche du mich nicht auch noch. Los, sag‘ endlich einen Ton, hat es dir die Sprache verschlagen? Bist du dabei? Kann ich mich auf dich verlassen?“ Drei Augenpaare sahen mich erwartungsvoll an. Was ich vorhatte sagen zu wollen, würde alles verändern, einfach alles. Noch hatte ich die Wahl.

„He, Amadeus, hast du einen Frosch verschluckt oder was? Spann uns nicht so lange auf die Folter! Sag endlich was!“ Meine schweißnassen Finger suchten Halt am Innenfutter meiner Hosentaschen. „Meine Meinung ist, dass wir erzählen sollten, warum Puck zur Schule gefahren ist, auf wen er dort so lange gewartet hat und wer ihn letzten Endes verarscht hat, und wenn ihr zu feige seid mitzukommen, dann mach ich es allein.“ Es war raus! Raus! Und eine nie zuvor gekannte Erleichterung erfasste mich so heftig, dass mir schwindlig wurde und meine Knie zu zucken begannen. Stille. Nur jetzt nicht einknicken…einfach weitermachen…komme, was da wolle. „Was ist? Warum glotzt ihr mich so an? Hat es euch die Sprache verschlagen? Ist mir im Grunde scheißegal, ich mach da nicht mehr mit! Ich bin raus, hört ihr?“ Alle drei starrten mich weiterhin ungläubig an. Titus, nachdem er einen kurzen Blick mit Jonas getauscht hatte, fand als erster seine Sprache wieder. „Will der uns verarschen? So ist das also, es ist dir egal. Er macht da nicht mehr mit, habt ihr das gehört, Jungs? Dazu fällt mir nur ein Wort ein: Verräter. Du mieser Verräter! Judas! Das hätte ich niemals von dir gedacht. Niemals! Du willst uns doch nur verraten, weil du deine Haut retten willst, dämlicher Idiot! Schnell noch das schlechte Gewissen reinwaschen, habe ich recht? Den gebrochenen Helden spielen, der sich zu seiner Scheißschuld bekennt. Du willst also ein Reuebekenntnis ablegen? Mir kommen gleich die Tränen vor Rührung. Wir haben Puck gesehen, na und? Mehr aber auch nicht. Das, was passiert ist, geschah nicht in der Schule, du Vollidiot! Wenn du das machst, Glückskind, uns alle mit reinreißt, dann, ich sag‘ dir jetzt mal was: bist du dran! Ein toter Mann! Ich mach dich so was von fertig!“

In dieser Sekunde wurde mir schmerzhaft bewusst, dass etwas vorbei war. Das war kein Spiel mehr, sondern blutiger Ernst. Langsam, meine Hände dabei aus den Taschen ziehend, beugte ich mich weiter nach vorn in Richtung meines besten Freundes. In wenigen Momenten würde unsere Freundschaft zu Grabe getragen werden. Finito. „Willst du mir etwa drohen, Fettsack? Fertigmachen willst du mich, Titus? Sieh dich doch nur an! Dass ich nicht lache, du aufgeblasener Feigling…du blöder Fettsack.“ Das Beil hatte begonnen, den Baum zu fällen – und ich wollte, dass er schnell fiel. Es gab kein Zurück mehr. ‚Blöder Fettsack…‘ Die beiden Worte klebten wie ein ausgespucktes Kaugummi an Titus‘ Stirn. Hasserfüllt starrte er mich an. Ein oder zwei Minuten lang passierte nichts. Jonas sah auffordernd zu Titus hinüber. Stille. Plötzlich, völlig unerwartet, trat mir mein ältester Freund mit seinem rechten Fuß mit voller Wucht in den Unterleib, worauf ich…

GuiltLESS. The long Journey of Amadeus Glückskind.

“What’s going on? What are you all staring at me like that for? Are you the ones who’ve lost their tongue? Basically I couldn’t care less, I’m not going along with this any more. I’m getting out, d’you hear?”

All three continued to stare at me, disbelieving. Titus, after a quick glance at Jonas, was the first to speak, “Is he having us on? So that’s the way things are. Did you hear, guys, he’s not going along with it any more. In that case there’s just one word that comes to mind: traitor! You measly traitor, you rat! I’d never have thought that of you. Never! You’re just going to betray us in order to save your own skin, you stupid idiot. Wipe your guilty conscience clean, am I right? Play the hero who admits his own bloody guilt, make an act of contrition? Oh my, I’m moved to tears. We saw Puck, so what? And that was all. What happened didn’t happen in the school, you moron! If you go ahead, Glückskind, and drag us all in, then I’ll tell you something — you’re next! You’re dead! I’ll do you in!”

At that I was painfully aware that something was over. This wasn’t a game any longer, it was deadly serious. Slowly, taking my hands out of my pockets, I leant forward a little towards my best friend. In a few minutes our friendship would be a thing of the past. Over and done with.

“Would you be threatening me, fatso? You’re going to do me in, are you Titus? Just look at yourself! Don’t make me laugh, you puffed-up coward… you stupid tub of lard.”

The axe had started to chop down the tree — and I wanted it to fall quickly. There was no way back. ‚Stupid tub of lard…‘ the words were sticking to Titus‘ forehead like a bit of chewing-gum that had been spat out. He looked daggers at me. For a minute or two nothing happened. Jonas looked over at Titus inviting him to act. Silence. Suddenly, completely unexpectedly, my oldest friend kicked me as hard as he could in my stomach and, gasping for air, I started to stagger. I just managed to regain my balance and swing round so that my fist gave my best friend a powerful blow in the face. A bull’s eye! His groan gave me great satisfaction which, however, didn’t last long and I suspected I would pay dearly for that bull’s eye, painfully dearly. A second, fiercer blow, this time from Jonas, hit me on the side of my head. My legs gave way. As if in slow motion I fell to my knees, but, though staggering, I managed to get up again so that I could strike another blow, but I was caught by an unexpectedly fierce kick to the kidneys and another one hit me on the shoulder blade, finally sending me down on my side. Now the blows were raining down on me from all sides until, doubled-up and covered in blood, I was lying on the ground and not moving.

“Hey, have you all gone out of your minds or what? Stop it! Stop it, you raving idiots. You’ll kill him. Have you all gone completely round the bend? Bloody well let him go, you arseholes! Bugger off! Let go of him!”

Robert’s screaming grew louder and louder. “You’re totally out of your minds. Stop it… leave him in peace now.” There was some shoving and wrestling. Heavy breathing.

Suddenly I felt a hand that was trying to pull me up. “Take your filthy hand off me,” I shouted, pushing the proffered hand aside. Titus, blood trickling down from his nose, shook his head.

“Hey, don’t be like that, I’m really sorry you idiot. You look in a pretty bad way… I didn’t mean to do that… really… I swear. But it looks worse than it really is. Come on, you nincompoop, you’re still my best friend. Let’s shake hands, it’s all over and done with now, we can forgive and forget. But I could have done without your ’stupid tub of lard‘, eh Jonas? And anyway, you almost broke my nose. My mother will give me hell when she sees this battering ram in my face. Come on, we have to get away from here as quickly as possible, the janny might see us, he can smell a punch-up from a hundred yards away. Can you walk or do we have to carry you home? Here you are.”

Titus took a grubby greyish-white rag out of his back pocket. “Take it, your need is greater than mine, the blood’s sloshing down over you. But now you just listen to me. It’s your own decision, for God’s sake, you do what you want. My opinion is that we should keep cool and not jeopardise our friendship but stick together, just a like we swore to each other years ago: One for all, all for one. What’s happening to us, have we gone mad? We’re friends, aren’t we? Real friends! Blood brothers! And always have been. We’ve nothing to do with this murder, nothing at all. All we did was to write a little note, but if you really do think differently, Amadeus, then do what you have to do. Crawl into the staff room on all fours, run off to the police, to CID or whatever. Yes, have a good cry, go down on your knees and creep into the confessional every Sunday. I can hear you already, ‚mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa…‘

“But there’s one thing I will tell you: you’ll come to regret that rotten act, bitterly regret it because nothing and no one can change the end result, quite the opposite. Your confession will only make things worse. And do you want to know why? Poor Puck will end up going mad, yes, it’ll kill him if he learns that his dearly loved Luisa wasn’t prevented from coming but didn’t want to come at all. When he learns that he was made to look a fool by us — and everyone around will hear about it and pass it on — what a humiliation for poor old Puck! Having risked all, accepted everything, done everything, even the worst thing imaginable: committed murder, yes, murder, for God’s sake. Only to be forced to realise at the end that it was all in vain, just a stupid joke he fell for. There was no Luisa who wanted to see him. Do you really want to do that to him? Now? In his situation? Hasn’t he lost everything already? No home any more? No parents? Now do you want to ruin him for good? Completely destroy him because it’s so noble, so soul-enhancing to make a so-called confession that no one wants to hear and is no use to anyone at all?

“Just you think that over. As I said, I couldn’t care less myself. I’ll survive it, you can bet on that. I’ll just flush your betrayal down the loo. You can take Robby with you, he’s already snivelling and whimpering with fear like a little baby. Come on, guys, let’s go. We’ve got a Latin test tomorrow and that alone’s enough hassle for anyone.”

And suddenly they were gone. And of all the hurt I felt, the fact that my three best friends had left me there on my own hurt me most of all. Lying on the ground I turned cautiously onto my side. I felt wretched, dazed and the pain in my head was getting more and more unbearable by the minute. Hordes of insects, attracted by the smell of blood, were coming down on me. I kept on telling myself that I ought to get up, but I couldn’t manage to rise or somehow push myself up. At that moment my life turned into a grey mass, a greasy black void was clutching at me — things would never be the way they’d been before. No more meetings of the foursome, no more nocturnal jaunts, no more tents by the lake and no more dares. All over. Try to straighten things out?  Ride it out? Forget it. No one can turn back the clock. No one at all! It was over. Finished. The end. What a shitty life! Eventually, after what felt like an eternity, I heard heavy footsteps approaching. Familiar footsteps that made my heart beat faster. They stopped right in front of me.

“Come on, my little brother, it’s time to go home. Or are you going to spend the night here?”

Heinrich’s husky voice cut through all the pain and blood, all this terrible mess. For a few seconds it even stopped the seething pain that by now, starting out from my left shoulder, had gripped every part of my body.

“You’ve not only made a mess of things, you look a right mess yourself. You can’t go home like that, the old folks will faint at the sight of you. Now look at me, Amadeus, so that I can tell you’re still alive, and say something, for God’s sake! Can you even hear what I’m saying? Come on, you can’t stay lying here for ever. Do you feel sick? Yes, that’s what I feared. First of all I’ll drive you to the doctor, that cut has to be dealt with. And if I’m not mistaken you’ve a dislocated shoulder — hurts like hell, doesn’t it? And I wouldn’t be surprised if you’ve got yourself a nice case of concussion. Well, if you’re going to get hurt you might as well do it properly…

“Just now, back up there beyond our copse, three wretched figures were creeping past me. They were in a sorry state, I can tell you, it even looked as if they were trying to hide from me. Two of them had bruised faces, all smeared with blood — was that your work? You must have put up a brave defence, bro. Your best friends, weren’t they? I’m really sorry but nothing can be done about that. Life’s not a business for cowards but it’s no fun if you have to beat up your best friends or, even worse, if they beat the living daylights out of you. You clearly didn’t come out on top but at least you tried, so well done. Still, it’s stupid, really stupid to let it get that far. What the heck, forget it. I’m the last person to go moralising, that’ll all sort itself out in the end. Let’s get you to that doctor now…”

Heinrich was there. My big brother Heinrich, strong as an ox, my childhood hero, always turning up just when he was needed. Heinrich, a man who knew how to listen. Heinrich, who lost two and a half fingers because he just once wasn’t paying attention and his hand came too close to our turnip-chopper. Heinrich, whom I came across behind a haystack months later, crying his heart out and cursing his mutilated fingers because Marie, his first great love, had gone off with another man.  I looked at him and for the first time I became aware of what it meant to have a family, above all to have a brother like Heinrich.

“Are you crying?”

“Not me! Whatever makes your say that? But the pain, Heinrich, this blasted pain…”

“Oh yes, of course. Stupid question, but don’t worry, I won’t leave you by yourself.”

A few minutes later he was helping me up and taking me — half carrying, half dragging me along behind him — to his tractor. Still dazed and hardly capable of thinking clearly, not least because of the excruciating pain in my shoulder, I went with him unresisting and it was too late when I realised  what Heinrich meant by a doctor: Gustav Eisenberg, both famous and infamous, a gifted vet of the old school, the best horse-doctor far and wide and, as people said in awe, a first-rate sawbones.

Eisenberg was the only vet for miles around who was imperturbable and crazy enough to go out on any summer’s day, however hot it was, and stride across any field, however big, where the cattle, tormented by countless swarms of bloodsucking midges, were standing with their flanks quivering nervously. Just one false move would be enough to set off an attack from the leader, or even from the whole herd which, when it had happened in the past, had quite often been fatal for the vet.

Gustav was without fear and not in the least concerned by that. “Bloody softies!” was all he would say when someone tried to stop him going, whistling, over to a bull standing the sun at 90 degrees in the shade, foam dripping from its lips. A guy like Eisenberg, so the story went, would grasp any bull, however wild, by the horns. Even in the most precarious situations even the most unpredictable of beasts would eat out of his hand, meek as a little lamb. Yes, he was even presumed to have supernatural powers. All kinds of possible and impossible rumours were passed on from door to door, year after year. One story was — and some swore it was true — that at the age of seventeen Gustav had taken part in spiritualist seances which were said to have been held in a dilapidated house out in the woods. There was talk of heathen rituals. After the house had been completely destroyed by lightning, the youngest and most headstrong of the Eisenberg children disappeared and returned to the village seven years later having qualified as a vet. Gustav Eisenberg was immensely proud of every single rumour about him that was going round and insisted they were all true, including the fact that he had been married six times.

‚I’m lost, O Lord above protect me! Gustav the wild man is going to twist and turn every bone in my body…‘ was the thought that went though my mind and the hairs on the back of my neck bristled. So fifteen minutes later, whining and moaning all the time and swearing at Heinrich, who was going to deliver me up to that pitiless sawbones, I found myself sitting, writhing with pain, in the vet’s waiting room. Gustav opened the door, a fierce look on his face, glanced briefly at Heinrich, who gave him a friendly nod, and without further ado dragged me into his surgery. If there was one thing you didn’t expect in that place, it was sympathy or even a soothing hand telling you that everything would be all right. That wasn’t Gustav’s way. In his view man was a thoroughly bad lot who had been maltreating his four-legged companions for centuries and ruthlessly exploiting them. Woe to any farmer who he thought wasn’t looking after his animals well enough. By this time the occasional punch-up outside the village pub had become, according to the tittle-tattle, an essential village ritual. To put it briefly: Eisenberg was loved, respected and hated but even his greatest enemies feared the day when there would no longer be a Gustav Eisenberg around.

In the background the vet was starting to busy himself with some items of equipment. There was a smell of dead dog, raw flesh and disinfectant. I felt sick. Suddenly Gustav was there in front of me, holding a glass of cold water; he gave Heinrich a meaningful nod and he immediately hurried out and then reappeared with a schnapps glass filled to the brim. Gustav looked at me for a while, his expression a mixture of severity and commiseration.

“Devil take me,” he said. “You’re in a fine way! Excellent! At last we’ve got a splendid victim of a brawl. Do you want to tell me about it, Glückskind? No? You want to keep it to yourself, that’s OK, lad. I’ll reserve the confessional next Sunday for you. Nine sharp. As you know, your father and I are good friends. In return I promise to keep my mouth shut, agreed?”

There was a surprisingly gentle look on his face, but also a glint of mockery in his eyes.

“They made a real mess of you, my lad. I take my hat off to them. There wasn’t just one of them, was there? Where are they? Did they get off without any wounds? Hard to imagine, you’re generally not that easy to beat as has been common knowledge for years now. A regular rapscallion, aren’t we? I know everything, believe you me. Should I have a guess which rascals have done that to you?

“I’ll tell you something, Heinrich. Just you have a look at our well-paid public servants. They call themselves teachers… teachers, don’t make me laugh! And they’re paid out of our taxes into the bargain! I ask you, what are they doing in there all day long? What do they teach our children? Decency, bravery, courage, love thy neighbour as thyself? Nothing of that, as far as I can see, nothing at all. Just think of that poor lad — you know who I mean, Heinrich. They just looked on, can you imagine? Doesn’t matter, it’s none of our business. What’s it to do with us if a lad like that’s having a hard time at home? Teachers… I’d soon sort that pigsty of a high school out! Heart, intelligence and character, that’s what a good teacher needs, but instead they appoint brain-dead robots.  And as for you, Amadeus, a proper brawl’s only worthwhile if it’s about a special girl.

“Right then, that’s enough of the talk, let’s see what we have here. Oh! Of course. You’re right, Heinrich, his shoulder’s dislocated, and then there’s a lovely cut and a contusion round the kidneys; not very good. The kidney is a sensitive organ, you just remember that in future, young man, it’s not to be trifled with. Various haematomas, lovely ones too. Headache? Feel sick? So concussion as well. And that’s it. At least it was worth your while coming here. Is the pain still bearable?”

“I can manage.”

“You’re a brave lad but we’re not let you go on suffering any longer. Do you have any last wish before the nice horse doctor gets to work? Should I have Hans waiting outside the door, you never know…” He was grinning from ear to ear and gave me a devilish wink. Horrified I stared at Heinrich, mutely begging for help.

“Nothing doing, you can put that idea out of your head, you messy hero. There’s absolutely no point in thinking of flight and it’s no use giving your brother those pleading looks, you have to get through this all by yourself or should I fix you? You don’t want that, believe you me. Here, sonny, drink that stuff all in one go, that’ll help.”

And at once I could feel him drawing my head back with a practised hand and pouring the horribly tasting rotgut down my throat. It burnt terribly and I recalled the many rumours going round about the several-times-divorced rake. And then there was the talk of Gustav having run an illegal distillery for years and now this brutal animal doctor was burning my mucous membrane with his revolting concoction — and with a happy grin on his face into the bargain.

“You’re killing me, doctor…” I whispered.

“Just listen to that, Heinrich! Our little hero’s starting to feel afraid. Who would have imagined it! I’m over the moon.  Glückskind huh! Fortunate child or even happy child by name but certainly not by nature! But that’s enough of that, now you just clench your teeth firmly, son, and don’t worry, you’re no going to meet your Maker, in fact you’ll soon be going on your profligate way again.”

While Gustav had been going on at me in this mocking tone, Heinrich had quietly got me in a tight grip so that there was no way I could move. The pain got worse and worse, I felt close to fainting and as I tried desperately to get out of my brother’s grip a terrible, never-before-felt pain shot right through my body. A loud scream erupted from my throat

“Now stop all this noise, lad, you’ll be bursting my ear-drums.” And with that Gustav gave me a slap. “It’s OK… everything’s fine now… child’s play, wasn’t it? Great! The bone slipped back into place almost by itself. You can thank your lucky stars that Heinrich brought you to me. Those young guys in the town have no idea how to do that. No off you go to the horse-shower — and don’t worry about all the blood-stained rags lying around there, just kick the stuff to one side. Off you go now, get on with it, I haven’t got all day. And when you’ve finished I’ll do you up so nicely your mother will be able to sleep soundly tonight.”

Do me up? Do me up — the way Hans always did? Hans who washed the corpses, looked after the graveyard and scared the kids to death. Hans who lived in the house right behind the graveyard. By himself. Hans the Corpse Man as he was called who, as my father used to say, got down to his work with great love and even greater devotion. Hans, tall and skinny, a walking skeleton, was always shrouded in a strange smell.

I’ll never forget how, one day when I was six, he grabbed me by the scruff of the neck, whispering that everyone would eventually end up on his washing table: “And that means everyone, with no exceptions. I get them all, from man to mouse, and you too, you little Glückskind. Just you wait, wait a while and Hänschen will come for you too…”

Shivering, I’d torn myself away, scared to death, and run off home as quickly as I could. It was great fun for him to put the fear of God into us children. It was always possible that Hans would leap out from behind a gravestone or a bush, waving his arms about wildly — the very small kids especially would run off screaming and shivering with fear. Hans‘ long fingers slithering over my naked body in order to do up the little corpse… a gruesome notion that haunted me in my dreams. Our ever-smiling priest, to whom I confided this one day, reminded me that, given the difference in age, Hans would be wearing a shroud long before me.

“That’s the way it will be, Amadeus. Whether he likes it or not and however many horror stories he tells, it’s all a load of nonsense.” Pausing for a moment, he glanced across at the graveyard, a concerned look on his face. “Just you look at him. There’s no flesh on the poor man, for Christ’s sake. People say he hardly eats at all, it’s not easy for him, being so alone. We all ought to do more for him so that the Evil One doesn’t get him in his clutches. It’s not good for a soul to be all alone, it withers away or harbours bad thoughts, you see. Then it’s easy for the Devil to cross the threshold. And once the Devil’s sharing the table, Conscience leaves the house in tears. But if he continues to scare you children stiff, then he might go the way of all flesh sooner than Heaven intended.  Who knows, perhaps the Grim Reaper is already on his way?”

I stared, wide-eyed, “And what if he loses his way and cuts me down by mistake?”

The old priest gave me a close and somewhat enigmatic look. “Out of the question. Death never loses his way.”

From that day on I kept a very close eye on Hans when he came hurtling round the corner, and I never forgot that the Grim Reaper was perhaps already chafing at the bit, sharpening the edge of his scythe for Hans. From that moment on Hans couldn’t frighten me any more.

Gustav, who by now had given his hands a thorough wash, turned to face me. Arms folded and leaning against one of the medicine cabinets, he looked at me, inscrutable. “Right then, Amadeus. Pain? Definitely less? That’s what I like to hear. Dying, my arse! You don’t die that quickly, believe you me. That’s the thing about dying, it’s still a profound mystery. Just one more question, Amadeus: that boy whose father was found dead, wasn’t he one of your classmates?‘

I immediately turned my head away, my lips firmly pressed together, determined not to say a word. However, to my great relief Gustav didn’t seem interested in an answer. Turning to Heinrich, he just went on, “My God, the poor boy! What a tormented child! Yes, they’ve really screwed him up, he’s done for, the poor lad will never fully recover from that. The rumour factory’s working overtime. It’s enough to drive you crazy! Everyone has a different story to tell about those lousy parents. A terrible tragedy, simply revolting, and do you know what the worst thing about it is? No one in this blasted 100-soul village will admit that they noticed that the boy was kept like an animal. What am I saying? It was worse than that, much worse! Keep your mouth shut and your eyes closed, that’s the way it was. The whole lot of them! How could they do that? How can people be so soulless? Have they perhaps cemented their hearts of stone in their cess pits? I can’t eat enough to puke as much as I want to. Mean bastards the lot of them! From now on these cartloads of guilt will be stuck outside the damn door of each and every one of them, that’ll give them plenty to think about. Night after night, year after year. And rightly so! Let them torment themselves with their guilt. They deserve it. At least that vicious Puck, that cruel fiend, is dead as a doornail. A wretched devil too. And the mother not one whit better. Let them rot in hell!

“Yes, guilt, blast it! It’s not easy to get rid of it, almost always impossible. Sticks to you your whole life long! What’s the matter, Amadeus. You’ve gone all pale all over your face. You look as sad as a whole funeral procession. No, we can’t have that. I’ll give you a strong painkiller so that you can have a good sleep tonight, OK? It’s excellent stuff. Kuno’s boar with the excessive hormones is crazy about the stuff, I tried it out on him. The vicious pig then spent the whole next day happily grunting to himself and didn’t pester a single sow. Since then miserly old Kuno’s been trying to bribe me at lest once a month with low-quality brandy. The cheap rotgut’s undrinkable and he thinks I don’t notice that! Pure poison! He wants me to prescribe the medicine for his aggressive boar, but I suspect he intends to take the pills himself. Pig farmers are really a special, breed, don’t you think, Heinrich. Now why should that be?

“What’s wrong, Amadeus? What’s that he’s mumbling about, Heinrich? You don’t need any tablets? If you say so, Glückskind, it’s a pity, a real pity but nothing can be done about it, no one’s forced to take anything here, but I do have to give a helping hand now and then. The beasts lack discernment, their owners even more, they’re hell to deal with.

“Tomorrow the world will look much better, lad. Heroes aren’t born, they have to mature like a good wine. Just don’t overdo things, Okay? Just listen to me — God knows, I’ve been overdoing things my whole life long. You have to pay for everything in the end. It’s not unusual for the price to be too high, some have even lost their soul in the process. But that doesn’t interest you one little bit, does it? But I don’t care, I’m saying it anyway. Just remember that the next time you’re going to screw things up there are enough people in the graveyard who perished because of that. And leaving that aside, every punch-up is one too many — have you ever heard that? Just get it into your thick skull, lad.”

Durch den Wald, Hinter der Zeit
  1. Kapitel


Ein ganz gewöhnlicher Schultag. Dachte ich.

Durch die weit geöffneten Fenster schoben sich breite Lichtstreifen, ließen sich auf Tischen und Bänken nieder und ihre Helligkeit holte die unzähligen Staubkörner aus ihrem Schattendasein hervor. Es roch nach dem Parfüm unserer Lehrerin und nach Pferdemist; große runde Haufen, die Bauer Lehmanns Gaul wieder einmal zielgerecht direkt vor dem Schultor hatte fallen lassen.
Es hieß, dass der Bauer, zur Rede gestellt von unserer sanften Schulleiterin, nachdem sie auf einem solchen Haufen ausgerutscht war, breit grinsend geantwortet haben soll: „Er scheißt, wenn er scheißen muss.“ Auf diese wirklich unverschämte Antwort soll dieselbe erwidert haben, dass sie ein Fest feiern werde, wenn der ferkelige Klepper endlich das Zeitliche gesegnet habe.
Ferkelig? Klepper? Und wer war überhaupt damit gemeint? Lehmann oder der Gaul?
Es wurde getratscht und gelästert, dass sich die Balken bogen. Das so gesagt zu haben, wurde von unserer Schulleiterin Tage später empört zurückgewiesen, was wiederum keinen verwunderte: Sie gehörte dem Vorstand einer Tierschutzorganisation an.

Wie auch immer; in jener Schulstunde sprachen wir über Haustiere. Und dann forderte mich Frau Nüsslein plötzlich auf an die Tafel zu kommen mit der Bitte, den Namen meines Katers anzuschreiben. Nichts leichter als das, dachte ich und hüpfte sogleich leichtfüßig nach vorn. Buchstabe für Buchstabe wurde sichtbar, und bevor ich mich wieder der Klasse zuwandte, glaubte ich immer noch, es sei ein ganz normaler Tag. Einer, wie so viele andere davor. Zwischen Lärm und Stille, zwischen Gekicher und Streit, zwischen dem ersten und letzten Pausenklingeln.
Zufrieden ließ ich das Stück Kreide in den kleinen Kasten fallen, der am unteren Rand der Tafel befestigt war, und drehte mich sorglos zurück. Mein Blick erfasste die dünnen Beine meiner Lehrerin, wanderte langsam nach oben, stockte, verhakte sich in den vielen bunten Stoffquadraten, aus denen ihr Rock zusammengesetzt war, glitt höher über ihren langen, weißen Hals, der immer ein wenig hin und her wankte wie die geschwungenen Hälse sanft blickender Giraffen, bis ich ihre Augen erreicht hatte. Und im selben Augenblick zerplatzte dieser ganz normale Tag. Peng! Einfach so.

Frau Nüsslein wies mit ihrem starr ausgestreckten Zeigefinger in meine Richtung und sagte – nein, sie zischte – mit bedrohlich tonloser Stimme: „Du solltest dich schämen, Kind.“
Ich schämte mich. Auf der Stelle. Ohne zu begreifen, wofür. Fühlte die Hitze, wie sie in Wellen durch meinen Körper schwappte, aufstieg, meine Wangen rot färbte. Knallrot. Puterrot. Und dann wurde es still. Mucksmäuschenstill. Vierundzwanzig Augenpaare starrten mich an. Weder konnte ich mein Gesicht verstecken noch weglaufen, und selbst wenn ich es versucht hätte, wäre es mir nicht gelungen, denn mitten im Türrahmen stand Frau Nüsslein. Und starrte auch. Wenn sie doch nur ein Wort gesagt hätte. Nur ein einziges Wort. Aber sie schwieg, schwieg weiter, sah mich unverwandt an und ihr bohrender Blick zwang mich, stehen zu bleiben.

Irgendwo tickte leise eine Uhr. Meine Finger begannen sich hilfesuchend an den runden Knöpfen der Strickjacke festzuklammern, während ich stumm nach einem Ausweg suchte, nach dem Warum bohrte, bis es mir endlich gelungen war herauszufinden, dass es nur einen einzigen Grund für ihren erbosten Gesichtsausdruck geben konnte: Der Name meines Katers.

Das war verrückt. Das ergab keinen Sinn, wirklich nicht, aber ich musste etwas tun, damit es aufhörte, verschwand: Dieser strafende Blick. Der noch immer auf mich gerichtete Zeigefinger meiner Lehrerin. Also holte ich tief Luft, nahm erneut das Stück Kreide in die rechte Hand, mir dabei gleichzeitig mit der linken Hand eine Strähne meines Haares in den Mund stopfend, und wischte ihn weg; den ersten Buchstaben. Ersetzte dann das große ‚H’ durch ein ‚B’. Bimmler stand nun an der Tafel. Meine Beine begannen zu zittern.

„Bimmler? Nun ja… natürlich“, sagte Frau Nüsslein, verdrehte ein wenig die Augen, holte ein letztes Mal tief Luft und ließ sich mit einem leisen Schnauben auf ihren Stuhl fallen. „Das ist ein lustiger Name. Warum nicht gleich so, Clara?“

Und ich wurde zum zweiten Mal feuerrot, weil Bimmler nicht nur doof klang, sondern noch dazu eine Lüge war. ‚Es beginnt immer mit einer Lüge und endet im Fegefeuer‘, hörte ich im Hinterkopf Großtante Helene dozieren. Ihrer Präsenz war nicht zu entkommen, nirgendwo, nicht einmal in diesem Klassenzimmer, und einen Augenblick lang erschien mir meine Lage wirklich aussichtslos.

Ich drehte ein wenig meinen Kopf zur Seite.

„Aber deshalb musst du doch keine beleidigte Schnute ziehen“, die Stimme meiner Lehrerin klang versöhnlich. „Nun aber auf deinen Platz mit dir; husch, husch.“ Sie klatschte in die Hände. „Und hör endlich damit auf, dauernd auf deinen Haaren herumzukauen. Davon wird es auch nicht besser.“ Es wurde nicht besser, aber die Welt war wieder in Ordnung. Für Frau Nüsslein. Nicht für mich. Irgendetwas hatte sich verändert.

Trotzig verkroch ich mich in meiner Bank. Zerknautscht. Sehnte das Ende der Schulstunde herbei. Dachte an Onkel Franz, der wie ein Bierkutscher fluchen konnte, wünschte, ich hätte so viel Mut. Aber nein … vermasselt. Es war mir klar, ich hatte es vermasselt. Diesen Tag, diese Stunde, einfach alles. Meine Finger zerrten immer noch an den Knöpfen der Strickjacke, während ich unter halbgeschlossenen Augenlidern hervorlugte, um jede Bewegung meiner Lehrerin besser verfolgen zu können. Heimlich. Bis ich nach und nach endlich zur Ruhe kam. Ausatmen konnte. Es schaffte, die Finger von den abgewetzten Knöpfen zu nehmen, die inzwischen nur noch an einigen losen Fäden hingen und bei jeder Bewegung träge hin und her baumelten. Und dann beendete das schrille Läuten der Schulglocke den Unterricht. Zu Hause alles erzählen? Nein, es sollte vorbei sein. Nicht noch einmal. Also beschloss ich, das Ganze wegzuwischen, so, als sei nichts gewesen. Mein knallrotes Gesicht, die Sache mit dem doofen Himmler und den vertauschten Buchstaben und überhaupt. Und trotzdem, das Gefühl blieb: Irgendetwas hatte sich verändert.

„So oder so ist das Leben, so oder so kann es sein“, sang meine Mutter Stunden später lauthals in der Küche und schlug dazu mit einem Holzlöffel den Takt, dass es nur so schepperte, worauf alles, was Beine hatte – selbst Vater – fluchtartig Reißaus nahm.

Vielleicht hatte sie recht. Man muss es hinnehmen. Wie die Kapriolen des Wetters oder das Amen in der Kirche. Wie die verhasste Farbe meiner Haare oder der Buckel von Onkel Franz, der mal traurig, mal komisch aussehen konnte, aber da war er immer. Es gibt Dinge, die kann man nicht ändern, und insbesondere, das wusste ganz Hollenbrinck, konnte man Großtante Helene nicht ändern, die, ich erinnere mich genau, an einem heißen Augusttag einen ihrer legendären Monologe über uns ausschüttete, dass es nur so klatschte.

„Drei Tote an einem Tag! Drei! Sie fallen wie die Fliegen von der Wand, Jesus und Maria! Ich sage euch, das ist nicht normal. Zufall? Törichtes Geschwätz. Es gibt keine Zufälle! Hitze kennt kein Erbarmen, macht Mensch und Tier gleichermaßen verrückt im Kopf. Zwei Tage ist es gerade mal her, dass Lehmann von seinem Bullen auf der Koppel beinahe zu Tode getrampelt worden wäre. Um sein Leben musste er rennen, und das mit seinem steifen Bein. ‚Mein Lieblingsbulle, ich habe ihn eigenhändig mit der Flasche großgezogen. Wie konnte er mir das nur antun?’, barmte Lehmann und stimmte ein lautes Klagelied an, ein Weh und Ach. Hört, hört! Ist das noch zu fassen? Seit wann hängen die Bauern ihr Herz an Rindviecher? Haben die denn nichts Besseres zu tun? Tränenüberströmt stand er vor mir. Na, wer wohl? Der Lehmann natürlich… Ich übertreibe überhaupt nicht! Fragt doch Bäckers Friedrich, der stand daneben. Nun besteht Brunhilde darauf, dass er zum Schlachter kommt. Der Bulle natürlich, wer denn sonst? Doch nicht Lehmann! Obwohl; ihr kennt ja Brunhilde. Kein Wunder, dass der Bauer seine haarigen Viecher so liebt. Ich frage mich schon seit Langem; wie leidensfähig muss ein Mann eigentlich sein, um es mit dieser Megäre dreißig Jahre lang auszuhalten?“

„Helene!“ In Mutters Stimme klang ein warnender Unterton mit durch.

Meine Großtante seufzte empört und hob theatralisch ihre Hände: „Man wird ja wohl noch die Wahrheit sagen dürfen. Oder? Oder etwa nicht?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: „Lehmann weigert sich kategorisch, das Tier zur Schlachtbank zu führen. Der Bulle mit seinem Spatzenhirn kann schließlich nichts dafür. Auf der Weide stehen zu müssen, stundenlang in der Glut, da mutiert irgendwann jedes Rindvieh zur Bestie. Aber dieses herzlose Weib! Brunhilde… Wo kommen wir denn hin, wenn jeder gleich zum Schlachter getrieben wird, nur weil er mal durchdreht? Ist schließlich kein kastrierter Pekinese. Franz!“

Mein Onkel zuckte schuldbewusst zusammen und versuchte vergeblich, hinter Vaters Rücken Helenes missbilligendem Blick zu entkommen.

„Ich verstehe nicht ganz, was daran so lustig ist! Ihr braucht im Übrigen nur die Zeitung aufzuschlagen, da könnt ihr schwarz auf weiß nachlesen, was diese verheerende Tropenglut anrichtet. Sie hängen sich in der Scheune auf, fahren andere Leute tot, erschlagen grundlos ihre Nachbarn, vergiften ihr Ehegespons, zünden Haus und Hof an. Von Diebstahl und Betrügereien ganz zu schweigen. Hohe Temperaturen lassen unser Gehirn wie einen Hefeteig aufgehen, da lugt der Wahnsinn gleich hinterm Tor. Ich wette, die Russen sind daran schuld; an dieser Bullenhitze natürlich! Merkt ihr denn gar nichts? Sie hocken zu Hunderten in unterirdischen Versuchslaboren. Man mag sich gar nicht vorstellen, was in diesen Bunkern so alles herangezüchtet wird, und sie verpesten mit ihren verdammten Raketen die Luft. Die Amerikaner sind auch nicht viel besser. Und dann diese Atomkraftwerke. Pfui Teufel! Wir werden allmählich vergiftet und merken es nicht einmal. Aber mach dir keine Sorgen, Liebling: Wir haben Hitler überlebt, dann werden wir alles andere auch überleben. Die Deutschen bringt so leicht nichts um, nicht einmal verseuchtes Trinkwasser. Und trotzdem: Sei auf der Hut, Clara, man kann nie vorsichtig genug sein. Ihr wisst ja: Contra vim mortis non est medicamen in hortis.”

Sie warf einen triumphierenden Blick in die Runde. Vater lächelte amüsiert vor sich hin, während Onkel Franz, des Lateins nicht mächtig, verärgert zu schnaufen begann. „Wie auch immer, Kind. Triff niemals wichtige Entscheidungen, wenn das Thermometer dreißig Grad überspringt“, so sprach meine Großtante abschließend und wackelte dabei ungeniert mit ihren rot lackierten Zehennägeln.

Ich betrachtete Helene aufmerksam. Sie ist nicht so, wie die anderen, ging es mir durch den Kopf. Und Mutter, deren Kichern wie das eines Schulmädchens klang, bestätigte meine lautlose Meinung, indem sie hinter vorgehaltener Hand flüsterte: „Wenn sie beginnt, ihre Lateinkenntnisse auszugraben, ist kein Ende abzusehen. Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen, wollte sie uns damit sagen, Liebes. Gegen Helene leider auch nicht. Fürwahr! Resistenter kann man gar nicht sein. Der alte Freud hätte sich an ihr die Zähne ausgebissen. Eigentlich schade, der Ödipus-Komplex wäre uns dann vielleicht erspart geblieben. Versteh mich nicht falsch“, sprach sie leise weiter. „Ich liebe sie, aber ihre Tiraden bringen mich noch ins Grab. Man könnte sie 30 Stunden in die Wüste stellen. Ich wette, sie würde noch reden, wenn alle längst verdurstet sind. Hoffentlich hat keine von euch diese maßlose Geschwätzigkeit geerbt. Und überhaupt: Von wegen Hitze! Sterben geht immer. Hohe Temperaturen sollen verrückt machen? Wo hat sie das her? Etwa aus ihren spinnerten Büchern? Helene verhält sich an allen 365 Tagen im Jahr gleichermaßen verrückt; ganz egal, ob heiß oder kalt. Puuuh…“ Ich musste heftig kichern. Ganz unrecht hatte sie nicht. Und trotzdem überzeugte mich ihre Antwort nicht ganz. Da war noch etwas… Ich sah meine Mutter aufmerksam an, die sich nicht auf, sondern vor dem Sofa niedergelassen hatte. Im Schneidersitz. War sie nicht auch… irgendwie… anders? Diese schwarzen Pullover, die sie mit Vorliebe trug, von denen so viele existierten, dass, laut Helene, damit eine mittelgroße Trauergesellschaft hätte ausstaffiert werden können. Und meine Großtante fügte hinzu: „Es wäre äußerst praktisch, wenn du einen Ausleihdienst gleich neben der Kapelle einrichten würdest, Elisabeth. Dort hätten die Dinger wenigstens einen Sinn.“ Mutter schmollte nach dieser Bemerkung tagelang. Tatsache war, dass kein Mensch in Hollenbrinck, außer auf Beerdigungen, schwarze Pullover trug. Nicht einmal Hans, der Leichenwäscher, dessen rundes Vollmondgesicht, seitdem ich denken konnte, von riesigen Eiterpickeln übersät war und der einen Dachschaden hatte; einen immensen, wie Helene immer behauptete. Bei dem hätte sich wahrlich keiner gewundert, wenn er es täte. Aber er tat es nicht. Nicht einmal er. Aber das Allerschlimmste, da waren wir uns einig, war ihre ominöse Schlabberhose. Helene, die gerade eine Sprechpause eingelegt hatte, war meinem Blick gefolgt.

„Großer Gott, Elisabeth, sieh dich doch mal an! Du läufst herum wie ein Bolschewik. Jawohl! Fehlt nur noch, dass du eine rote Fahne schwingst. In deinem Alter! Wie kannst du dich nur in solch einer Aufmachung vor deinen fünf Kindern zeigen? Vielleicht hast du es ja noch nicht gemerkt, aber das, was du da trägst, ist keine Hose, wie sie eine Dietrich tragen würde, sondern ein grauer, billiger Lappen. Eine Kommunistenhose im wahrsten Sinne des Wortes. Seht sie euch an! Was für ein scheußliches Teil!“ Onkel Franz feixte glücklich.

Auf Mutters Wangen wurden rote Flecken sichtbar, kämpferisch beugte sie sich weiter nach vorn. Helene focht das wenig an. „Mao würde dir in diesem Aufzug sofort Asyl anbieten“, fuhr sie ungerührt fort, „dich in der ersten Reihe marschieren lassen, Elisabeth. Was für ein Unglück! Das kommt davon, weil du nie in die Kirche gehst. Wie kannst du das Carl nur antun?“
Mein Onkel, der mir gegenübersaß, klopfte sich vor Vergnügen auf die Schenkel. Alle lachten, selbst Mutter, aber an ihren verkniffenen Mundwinkeln konnte ich erkennen, dass sie nicht wirklich amüsiert war. „Da meine Kinder deine bourgeoise Lebensart tagtäglich vorgeführt bekommen, liebste Helene, werden sie an einer Kommunistin keinen Schaden nehmen, mit oder ohne Fahne; sei gewiss.“ Und damit hatte sie die Lacher wieder auf ihrer Seite.

Und was war mit Vater und Onkel Franz? Und was überhaupt ist ein Bolschewik? Und warum zuckte Vater immer zusammen, wenn ich Himmler rief?

An jenem Nachmittag begann ich zu ahnen, dass eine Großtante, sei sie auch noch so skurril, nicht der alleinige Grund für die versteckten Blicke der Nachbarn, die uns regelmäßig zuteilwurden, sein konnte. Ich begriff, dass meine Familie anders war. Aber wer will das schon; anders sein? So etwas sucht man sich nicht aus, so etwas nervt. Seit jenem Tag glaubte ich zu wissen, was ich niemals sein wollte: anders. Ich kniff die Augen fest zu, faltete heimlich unter dem Tisch die Hände. Und damit begann alles.

  1. Kapitel

Mehr als zwei Jahrzehnte sind seitdem vergangen.
Warum habe ich keine Fragen gestellt? Damals. Mit einer heftigen Handbewegung schiebe ich sie weg; die alten Schattenbilder, die längst dem Reich der Vergangenheit angehören, spüre einen Widerstand, ein leichtes Unbehagen und zerre einen weiteren Karton zur Seite. So oder so. Oder besser so. Oder doch ganz anders. Was soll’s. Eigentlich könnte alles ganz einfach sein.
Ich hänge keine roten Fahnen aus dem Fenster, niemand käme auf die Idee, mich als bourgeois zu bezeichnen, ich bin weder exzentrisch noch militant. Das einzig Auffällige an mir ist meine Haarfarbe, und doch habe ich das dumme Gefühl, es wieder einmal vermasselt zu haben. Schließlich gehe ich fort. Verlasse Frankfurt. Das Theater. Freunde. Packe ein. Fünf Jahre meines Lebens verschwinden gerade in Kisten und Kartons. Meine Jahre mit Georg. Ich hätte es wissen müssen. Eigentlich. Oder auch nicht. Das Blau ist verschwunden. Am Himmel schaukelt schon lange keine Mondsichel mehr. Vermasselt. Einfach nur vermasselt. Die Zeit zerrt an mir. Der Vermieter in Basel wartet. In wenigen Tagen muss ich in London sein. Es ist heiß. Brütend heiß. Auch das noch. Passenderweise. Ja, es passt. Der Wunsch zu flüchten wird immer drängender. Vor der Hitze. Ihr entrinnen zu können. Es könnte eine gute Ausrede sein. Das Thermometer zeigt vierunddreißig Grad an. Im Schatten. Und ich bin geneigt, Helenes Worten nachträglich beizupflichten. Denn wer weiß. Vielleicht ist es tatsächlich diese seit Wochen anhaltende, flirrende Glut, die mich zwingt zu gehen. Georg zu verlassen. So schnell. Sofort. Gleichgültig. Und vor allem so endgültig. Ich überfliege ungeduldig Zeichnungen, Fotografien, ein eingerahmtes Filmplakat. Weiter geht der Blick, gleitet nach unten, sucht, wendet sich ab, sucht erneut, bleibt hängen. Ich starre sie an: Steckdosen. Drei Steckdosen. Im rechten Winkel. Makellos. Elfenbeinfarben. Georg hat sie eigenhändig angebracht. Mein Blick tastet sich weiter vorwärts: drei an jeder Wand des Zimmers. Jedes Zimmer hat vier Wände, also befinden sich in diesem Zimmer zwölf Steckdosen und, fast hätte ich sie vergessen; vier Lichtschalter. In jedem Zimmer des Hauses. Das Haus hat neun Zimmer, demzufolge sind es 108 Stromanschlüsse und sechsunddreißig Lichtschalter. In Gedanken steige ich Treppen hinunter, bleibe am Eingang zu den Kellerräumen stehen: Trockenraum, Gästezimmer. Öffne weitere Türen, die zu drei Bädern gehören. Zähle weiter. Mein Weg führt mich in eine der Küchen, die sich in der zweiten Etage befindet. Steige wieder hinab. 189 Steckdosen und Schalter, mit denen ich fünf Jahre lang gelebt habe. Und mit Georg. „Clara, das Beste, was es derzeit auf dem Markt zu kaufen gibt. Vom Preis will ich gar nicht erst reden.“
Na und? Eine harmlose Marotte, ein Spleen. Wer kann schon von sich behaupten, dass er davon frei ist? Keiner ist vollkommen. Ja, harmlos, albern, übertrieben, aber irgendwie auch verdächtig. Schlimmer noch: Es kann kein Zufall sein, dass ich mit einem Mann gelebt habe, der in der Lage ist, einer ganz gewöhnlichen Steckdose so viel Aufmerksamkeit zu widmen. Und nun? Egal, wie ich mich drehe, wohin ich mich auch wende in diesem Moment; aus jeder Ritze, aus jeder Ecke, selbst von der Decke herab fallen sie über mich her: Worte, eine lange Kette aneinandergereihter Worte, die genau sieben Tage zuvor in diesem Zimmer gefallen sind.

„Wenn du mich verlassen willst: Bitte, nur zu.“

Georg erhob sich kurz. Eine Pause entstand. „Bemühe dich nicht, mich zu verändern, Clara.“
„Das will ich gar nicht. Mir geht es nur darum, dass du mich verstehst.“
„Verstehen? Tut mir leid, ich weiß nicht, was du meinst. Glaubst du im Ernst, nur ein einziges eurer hoch gelobten sogenannten sozialkritischen Stücke, ein einziges deiner bluttriefenden Bühnenbilder verhindert, dass der Betrüger am nächsten Tag mit dem Betrügen aufhört? Der Mörder das Morden lässt? Das Theater ist nichts als eine immens teure Spielerei, eine im Gegensatz zum Filmgeschäft meist unrentable Geldmaschine. Ein bisschen Glamour, ein wenig Maskenball, eine Prise Moral, natürlich ein bisschen schlechtes Gewissen machen, und am nächsten Tag läuft das Leben weiter wie zuvor.“

Er sah mich mit einem Blick an, den ich nie zuvor an ihm gesehen hatte.

„Und dann diese Sprüche, dieses elitäre Gehabe! Ich bin Künstler… mein Leben für die Kunst. Dieses Suhlen in Selbstlosigkeit! Geld ist nicht wichtig… spenden für die Dritte Welt. Weißt du, was hinter den Kulissen abgeht? Deine Schöngeister kriechen doch jedem Cent hinterher. Und wehe, wir Anwälte übersehen auch nur eine müde Mark. Und wessen Marktwert hoch genug ist, liebe Clara, lässt sich jeden, aber auch jeden Auftritt bezahlen. Im Minutentakt sozusagen. Und was uns betrifft: Ich bin kein Künstler, aber das hast du gewusst; von Beginn an. Der Unterschied zwischen uns besteht darin: Ich habe deine Arbeit geschätzt, bin auf jede Premiere mitgekommen, und was musste ich mir alles ansehen: Inzest auf der Bühne, Perversionen aller Art, Kinderschänder, Kindsmörderinnen, Vergewaltiger; der ganz normale Wahnsinn halt, nicht wahr? Es wird gerülpst, gekotzt, gequält, massakriert. Ein endloses Gesuhle im Dreck. Na klar! Ein ganz normaler Mörder macht ja inzwischen nichts mehr her, nein; es muss mindestens ein sadistischer Schlächter sein, der lustvoll mit abgetrennten Gliedmaßen jongliert. Darf ich dich erinnern? Du selbst hast vor zwei Jahren mit Hansen gestritten, weil er darauf bestand, dass dein Bühnenbild in eine blutige Schlachtbank verwandelt wird, in ein Ekelkabinett der übelsten Sorte. Hat dir nicht viel genützt. Hansen hat dich daran erinnert, wer was und wie viel zu sagen hat. Am Ende ist es meiner Clara gelungen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Und? Habe ich mich darüber aufgeregt? Oh nein! Ich habe mich bemüht, künstlerische Freiheit hinter allem zu sehen, sogar den Mut eines Regisseurs wie Hansen geschätzt, dessen gnadenlose Scheißegal-Haltung. Das Ende ist schnell erzählt: Das Publikum buhte minutenlang. Es gab, wie vorausgesagt und erhofft, dicke Schlagzeilen: Skandal! Skandal! Es gab natürlich Pro und Kontra, trotzdem versank diese inhaltsleere und ganz und gar überflüssige Inszenierung blitzschnell im Nirgendwo. Dem Publikum sei’s gedankt, das es tatsächlich fertigbrachte, dem ganzen Spuk ein Ende zu setzen, indem es einfach zu Hause blieb. Hansen rief und keiner kam. Eine seltsame Grippewelle grassierte urplötzlich, aber unerklärlicherweise nur in ganz bestimmten Kreisen. Es war saukomisch! Wäre Schadenfreude ein Pool, hätte ganz Frankfurt darin Platz gefunden. Immerhin; du hast von der ganzen aufgeplusterten medialen Aufregung profitiert, das wirst du nicht bestreiten können, auch Dank der Blutströme, die aus Körperteilen und Gliedmaßen während der Premiere literweise nur so herausspritzten. Es sah verdammt echt aus. So echt, dass sich im Parkett die Leute übergeben mussten. Wohl wahr, das blutige Kasperletheater war Hansens Idee, nicht deine, aber du hattest die Wahl, oder etwa nicht? Ich kann mich noch gut an diesen unvergesslichen Abend erinnern. Noch vor Ende der Vorstellung, schon längst hatten zahllose Zuschauer fluchtartig das Theater verlassen, bist du heulend weggerannt. Wo hast du dich verkrochen? Im Kostümfundus. Aber von nun an brauchtest du dich nicht mehr um Angebote bemühen; sie kamen von selbst. Und der alte Hansen schaffte es tatsächlich, mithilfe dieser monströsen Inszenierung Lorbeeren einzuheimsen. Lorbeeren! Wenn wir Anwälte so ein Desaster fabrizieren würden, so eine Scheiße, könnten wir schon am nächsten Tag unseren Laden dichtmachen. Bei euch funktioniert es umgekehrt. Was für eine verrückte Welt. Sie sagen ‚Kunst’ und denken dabei ans Geschäft. Jeder will verdienen, Clara. So ist das nun mal.“

So ist das nun mal? Vielleicht war es das. Vielleicht waren es genau diese fünf Worte, die dazu geführt hatten, dass wir vor einem Scherbenhaufen standen.

So ist das nun mal. Ein Satz, der zwischen uns am Tisch saß. Mit uns zu Bett ging. Sich wie eine Klette an mich geheftet hatte. Lange Zeit unbemerkt. Und später, nachdem ich wieder und wieder darüber gestolpert war, fiel mir nichts Besseres ein, als ihn wegzuwischen. Es gab Wichtigeres. Es gab immer Wichtigeres. Stattdessen bemühte ich mich, die Worte auszublenden, zu überhören, sie zu ignorieren. Stopfte meine Ohren mit Watte zu. Zu spät. Nichts half mehr. Der scheinbar unbedeutende Satz rollte hinter mir her wie eine Endlosschleife: ‚So ist das nun mal, Clara.’
Ich sah ihn an. Zum ersten Mal fielen mir die tiefen Falten auf, die sich in sein Gesicht eingegraben hatten. Er arbeitet zu viel, ging es mir durch den Kopf, und augenblicklich wickelte mich das schlechte Gewissen ein. Dieses Sich-schlecht-fühlen. Ungerecht sein. Unfair. Ich fühlte so etwas wie Panik in mir hochsteigen. War ich gerade im Begriff, einen unverzeihlichen Fehler zu machen? Vor zwei Monaten hatten wir seinen vierzigsten Geburtstag gefeiert. Vor fünf Jahren hätte er diese Sätze nicht gesagt. Nicht so. Oder? Hatte ich nur nicht richtig hingehört? Mich störte nicht seine Kritik, mich störte das, was hinter dieser Kritik stand: Jeder kann zum Mörder werden. Jeder will verdienen. Wer sicher sein kann, nicht erwischt zu werden, wird betrügen. Jeder ist korrumpierbar. Schuldlos ist keiner. Sätze dieser Art fielen immer öfter. Es fiel ihm gar nicht mehr auf. Mir kam es so vor, als ob er sich selbst mit diesen Sprüchen so etwas wie eine Rechtfertigung verschaffen wollte. Sich beruhigen. Für das, was er tat. Erfolgreich tat. Leute herauszureißen, die Geld zurückhaben wollten, ob es ihnen nun zustand oder nicht. Mörder und Vergewaltiger zu verteidigen, denen das Wort ‚Schuld’ blutig auf der Stirn geschrieben stand. Schuldig sein und schuldig gesprochen werden hängt davon ab, wer dich verteidigt, pflegte er zu sagen. Er wusste, dass ich diesen Satz nicht ausstehen konnte. War er schon immer so gewesen? Ich sah ihn an. Und wenn nicht, wie war er dann?

Ich brauchte einen Anwalt.

Georg arbeitete als Strafverteidiger. Aber er hatte auch einen guten Ruf als geschickter und engagierter Vermittler bei Honorarfragen. Eine befreundete Bühnenbildnerin riet mir, ihn aufzusuchen. Also rief ich in seiner Kanzlei an und ließ mir einen Termin geben.
Ich klingelte. Er öffnete die Tür, lächelte und vier Wochen später zogen wir zusammen.
Es war, so glaubte ich, Liebe, und zumindest zu Beginn unserer Beziehung war es diesem Gefühl sehr nah. Meine Freunde reagierten überrascht und zweigeteilt. Es gab Befürworter, die ihn sehr schätzten, nicht nur als Anwalt, und es gab diejenigen, die prophezeiten, dass spätestens in einem Jahr alles vorbei sein würde. Letztere irrten sich.

Georg war jemand, der entweder gemocht oder abgelehnt wurde. Dazwischen gab es nichts. Raimund Broder, der mich für eine Spielzeit am Frankfurter Theater fest engagiert hatte, konnte Georg nicht ausstehen. Von Anfang an. Ich kannte seine Meinung. Bei der Auswahl seiner Mitarbeiter berief sich Broder auf seinen gesunden Instinkt, auf seine unübertroffene Menschenkenntnis und behauptete dreist, diese hätten ihn noch nie getäuscht. Das war nicht nur maßlos übertrieben, sondern entsprach nicht der Wahrheit. Zu Recht hatte sich also auch er seine Feinde verdient, doch der Regisseur konnte es sich leisten, wie er es nannte, Feinde zu haben. Ja, es schien sogar, dass er diese mit einem gewissen Stolz hegte und pflegte. Gründe genug, ihn nicht zu mögen, gab es demzufolge zuhauf. Dumm war nur, dass ich Broder nicht nur mochte, sondern auch die Zusammenarbeit mit ihm sehr schätzte. Es gab viele Gründe, warum ich mich in Georg verliebt hatte.

Ich liebte seine Begeisterungsfähigkeit. Er war leidenschaftlich. Nicht nachtragend. Ich schätzte seine unverblümte Art, Dinge zu benennen und offen auszusprechen. Es war schier unmöglich, dass er unpünktlich erschien. Ich bewunderte seine Intelligenz. Sein Wissen, das sich nicht nur auf Gesetzesvorlagen beschränkte. Mich beeindruckte sein unbedingter Wille, Erfolg haben zu wollen. Er zog mich mit. Wir konnten nächtelang diskutieren. Georg schien niemals müde zu sein. Uns beiden war eigen, dass wir nicht mehr als sechs Stunden Schlaf brauchten. In den ersten Jahren zogen wir gemeinsam mit Freunden, aber auch allein, bis in die frühen Morgenstunden um die Häuser. Während ich anschließend ausschlafen konnte, stand er Tag für Tag spätestens um acht Uhr auf. Mir fiel auf, dass seine Tage sehr durchgeplant waren, aber das störte mich nicht, da er in den ersten Jahren dieses Regelwerk häufig durchbrach. Wir hatten gegensätzliche Positionen, unterschiedliche Meinungen, lebten in Welten, die nicht unterschiedlicher hätten sein können und doch: Das, was uns unterschied, zog uns gegenseitig an. Wir schienen uns perfekt zu ergänzen. Zwei Jahre nach unserem ersten Kennenlernen war aus einem guten Anwalt ein erfolgreicher geworden, der sich seine Mandanten aussuchen konnte. Er blieb weiterhin Strafverteidiger, nur mit dem Unterschied, dass die Fälle, deren Verteidigung er nun übernahm, spezieller wurden. Sehr speziell. Mörder oder Gewalttäter, deren grausame Verbrechen durch die Presse gegangen waren. Sein Argument, dass jeder Mörder ein Recht auf Verteidigung habe, konnte niemand, nicht einmal ich, bestreiten.

„Aber warum musst gerade du diese Leute verteidigen, Georg? Du?“ – „Warum nicht, Clara. Einer muss sie ja verteidigen.“ Mir missfiel der Gedanke, dass er mit diesen Gewalttätern in einem Raum saß. Stundenlang. Sich detailliert erzählen ließ, wie sie gemordet hatten. Berichte Tag für Tag las, deren Inhalte mit Scheußlichkeiten gefüllt waren. Und dann all diese Fotos … Allein der Gedanke daran verursachte bei mir Übelkeit. Ja, ich befürchtete insgeheim, dass etwas davon hängenbleiben könnte. Was passiert mit all den Worten und Bildern? Wo bleiben sie? Was bewirken sie? Was macht er damit? Entsorgt Georg sie anschließend wie eine Tüte Restmüll? Glaubt er ernsthaft, den Inhalt seiner Akten so leicht wieder loswerden zu können? So einfach wird es nicht sein. Ich kam ins Grübeln. Und was passiert dann? An irgendeinem Ort wird sich all das festsetzen. Seine Wahrnehmung verändern. Seinen Blick auf die Umgebung. Auf das Leben. Auf mich. Auf unsere Freunde. Auf Gut und Böse. Der Schrecken nur eine Banalität? Es kam vor, dass ich, wenn er nach einer Hauptverhandlung nach Hause kam, ihn länger als gewöhnlich ansah. Nach Anzeichen von Veränderungen suchte. Er amüsierte sich darüber.

„So ein Nonsens, Clara. Das passiert nur in deinen Theaterstücken. Dann müssten alle Strafverteidiger einen Knacks haben. Ich habe keine Alpträume, in denen mich irgendein Serienmörder verfolgt, und das wird auch in Zukunft nicht so sein. Sei unbesorgt. Ganz im Gegenteil; mein Schlaf ist tief und fest. Ist der letzte Verhandlungstag vorbei, verschwindet die Akte und alles, was damit zusammengehört. So einfach ist das.“ So einfach? – „Aber du verteidigst nur noch die Schlimmsten der Schlimmen. Fällt dir das gar nicht mehr auf? Das sind keine gewöhnlichen Mörder. Müssen es denn immer die Fürchterlichsten sein, Georg?“ – „Die Fürchterlichsten sind unter uns, Clara. Und sie sind meist schwer gestört.“ – „Ja, aber deshalb sind sie nicht weniger fürchterlich. Und man sollte nicht jeden Abend mit ihnen ins Bett gehen.“ – „Ich gehe mit dir ins Bett, Clara. Schon vergessen?“ Sein Lachen beruhigte mich. Er hatte recht. Meine Bedenken waren albern. Ich hatte mich verrannt. Und doch; die Jahre hinterließen ihre Spuren. Georg wurde schweigsamer und vermied es, ausführlicher über einzelne Fallgeschichten zu sprechen. Jedes Mal, wenn mir sein Name neben dem eines Mörders auf irgendeiner Zeitungsseite entgegensprang, musste ich mein Unbehagen wegdrücken. Und dann gab es dieses aufsehenerregende Urteil in einem Fall, der wochenlang durch alle Medien ging. Georg hatte einen Freispruch bei einem jungen Mann erkämpft, der angeklagt worden war, seine Freundin auf grausamste Art und Weise umgebracht zu haben. Wir saßen beim Abendbrot. Plötzlich hob er den Kopf und sagte: „Er hat das Mädchen Stück für Stück zerteilt, Clara; ganz sicher. Der Staatsanwalt hat einen Fehler gemacht. Die Beweise wurden deshalb nicht zugelassen. Ich habe ihn erwischt. Sein Pech. Schön ist das nicht, aber ich hätte gar nicht anders gekonnt. Es ist mein Job, meinen Mandanten zu verteidigen. Das Beste herauszuholen. So ist das nun mal.“

Ich starrte ihn ungläubig an. Das Beste? Aber was war das Beste? Seine Erklärung war nüchtern. Er hatte einen guten Job gemacht. Gewonnen. Sollte ich mich nicht darüber freuen? Ihn zu seinem Erfolg beglückwünschen? Mein Blick senkte sich auf meinen Teller herab. Ich konnte es nicht. Sein Lächeln konnte nicht über die Erschöpfung und Müdigkeit hinwegtäuschen, die sich in sein Gesicht tief eingegraben hatte. Wie ging es ihm dabei? Kein Triumph spiegelte sich in seinen Augen, aber auch nicht die Spur eines Zweifels. Wie ging es ihm dabei? Zum ersten Mal fürchtete ich seine Antwort und schluckte meine Frage wieder herunter. An jenem zurückliegenden Abend wurde mir bewusst, dass sich etwas verändert hatte. Ich konnte ihm nicht mehr folgen. Ohne es zu merken, hatten wir uns voneinander entfernt.

Der Alltag tat sein Übriges.

Wir arbeiteten viel. Ich kam häufig spät nach Hause, während Georg zeitig aufstehen musste. Dazu kam, dass Proben und Besprechungen selbstverständlich auch an den Wochenenden stattfanden. Dazwischen blieb wenig Zeit. Auf Wochen und Monate im Voraus waren unsere Terminkalender so voll, dass wir Mühe hatten, nach gemeinsamen freien Wochenenden zu suchen. Je anspruchsvoller seine Mandanten aus dem Wirtschaftsbereich, je höher die Summen wurden, um die es ging, aber auch je spektakulärer die Mordtaten der Angeklagten, deren Verteidigung er übernommen hatte, desto sichtbarer wurde seine Veränderung. Er bestritt das, aber sein Humor wurde düsterer. Seine Ironie ging in Sarkasmus über. Er wurde härter und unnachgiebiger gegen sich selbst und gegen andere. Empfindlicher. Vorsichtiger. Eifersüchtiger. Sein Erfolg und der Druck, der stetig zunahm, ließen ihn misstrauischer werden. Er überlegte sich genau, wann er was und zu wem sagte. Nur wenn wir Frankfurt verließen, kehrte ein Teil seiner alten Unbeschwertheit zurück. Und trotzdem nahm die Entfremdung zwischen uns zu. Bis zu diesem Punkt, an dem wir gerade angekommen waren. Um genauer zu sagen: Es war ein Endpunkt.

Ich wartete. Wusste, er war noch nicht fertig.

„Wir haben uns beide verändert, Clara. Wir sind älter geworden. Menschen verändern sich nun einmal. Wir sehen inzwischen die Welt inzwischen mit anderen Augen, mag sein, ein wenig abgeklärter, desillusionierter, aber das ist doch normal. Warum wehrst du dich dagegen?“
„Für dich ist es normal, Georg. Ich will aber nicht so werden. Ich will die Welt nicht so sehen, wie du sie siehst. Nicht so ganz. Nicht so abgeklärt. Ich kann es einfach nicht. Geld ist mir nicht wichtig genug.“ – „Kein Problem, Clara. Ich will dir auch nicht deine Illusionen rauben, akzeptiere doch einfach, dass wir beide andere Schwerpunkte haben. Es hat viele Vorteile, Einfluss zu haben. Das, was ich heute besitze, habe ich mir erarbeitet. Keine Betrügereien, keine Korruption. Soll ich also ein schlechtes Gewissen haben? Nein. Oder willst du mir etwa weismachen, dass dir mein Erfolg völlig gleichgültig war?“ – „Nein, er war mir nicht gleichgültig, aber ich habe dich aus anderen Gründen bewundert.“ – „Ja, du hast recht. Es war nicht mein Geld, das dich beeindruckt hat. Geld interessiert dich nicht, und eigentlich war ich immer froh darüber. Trotzdem: Vor zwei Monaten habe ich dir einen Diamantring geschenkt. Und was machst du damit? Er landet in irgendeiner Pappschachtel. Ein Ring, der so viel wert ist wie ein Kleinwagen. Vorgestern fand ich ihn sogar auf dem Boden neben dem Toilettenbecken. Ich wette, du weißt nicht einmal in diesem Moment, wo du ihn abgelegt hast. Du hast dich aufrichtig gefreut, das ist wahr, aber sei ehrlich: Ein alberner Blechring hätte dich genauso glücklich gemacht. Es ist seltsam. Das Leben kommt, wie es kommt, ist deine unerschütterliche Devise und selbstverständlich gehst du davon aus, dass dich das Leben auf die Sonnenseite katapultieren wird. Egal, wie es kommt. Und ich bin mir sicher, es käme so. Wie geht das? Was ist das? Wird man so geboren? Komisch, dass mir das früher nie aufgefallen ist; mit den ganz Reichen kämest du prächtig aus. Es ist die gleiche snobistische Selbstsicherheit. Und wenn der Ring, den ich dir geschenkt habe, verloren geht? Wahrscheinlich würde dich die Vorstellung beglücken, dass ein Bettler von dem Geld etliche Wochen lang gut leben wird. Nur; das ist deine Wunschvorstellung. Die Wahrheit ist, dein Junkie würde es versaufen, sich den goldenen Schuss setzen, was auch immer, aber das würdest du mir erst dann glauben, wenn du ihn in einem Klo elendiglich verreckt und zerfressen liegen sehen müsstest. Wenn das Ausgekotzte dich anspringen würde. Wirklich erstaunlich, mir ein unlösbares Rätsel, wie du mit all deiner Naivität, deiner Sozialromantik die blutrünstigsten Bühnenbilder erschaffen kannst.“

Mein Blick ging an ihm vorbei, klammerte sich an einer blankpolierten Vase fest. Jugendstil, dachte ich, und: Ich hasse Jugendstil. „Es geht nicht darum, ob ich dir glaube, Georg. Vielleicht hast du sogar recht. Der Junkie wird möglicherweise genau so enden, wie du es gerade beschrieben hast, aber vielleicht auch nicht. Und irre ich mich, ist das noch lange kein Grund, all das, woran ich glaube, für null und nichtig zu erklären. Am Ende kannst auch du dich irren.“

Ein Buch fiel zu Boden. Ich sah zu, wie er es mit dem Fuß heftig von sich schob, sich vorbeugte und nach einem zweiten griff. ‚Gesetzestexte’ stand auf dem Buchrücken. Gesetzestexte. Meine Suche nach nur einem Funken Komik misslang. Mir war kalt. Ich horchte den Geräuschen der Straße nach, die gedämpft zu hören waren. Das Hupen eines Autos. Kinderstimmen. Eigentlich ein ganz normaler Tag, ging es mir durch den Kopf, wie… Sekundenlang kehrte ich zurück in das viel zu kleine Klassenzimmer mit den schiefen Wänden, sah mich vorn an der Tafel stehen. Kein Davonlaufen war möglich. Langsam hob ich den Kopf. Plötzlich ein lauter Knall. Scherben klirrten. Der Wälzer mit den Gesetzestexten hing aufgespießt an einem Scherbenrest an der Vitrine. Georg drehte sich zu mir um. In seinen Augen stand Wut geschrieben und etwas, was ich lieber nicht hätte sehen wollen.

„Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen. Du musst wissen, dass ich darüber informiert bin, dass du dich seit mehreren Wochen mit einem Journalisten namens Ben Kohlmann triffst. Woher ich das weiß, spielt keine Rolle. Wir sollten das Ganze so schnell wie möglich über die Bühne bringen. Es wäre schön, wenn du das Haus in der nächsten Woche verlässt. Ich bin gerne bereit, einen Umzugswagen zu organisieren. Oder bist du bereit, mir eine Erklärung zu liefern?“ Er machte eine Pause. Ich sah ihn ungläubig an. „Clara! Bist du taub? Stumm? Hat es dir die Sprache verschlagen?“ Er schrie meinen Namen fast heraus. „Verdammt! Na gut, wie du meinst. Feigheit ist ein bequemer Ort, an dem es sich gut leben lässt, nicht wahr? Und offensichtlich bist du nicht einmal jetzt bereit, ihn zu verlassen. Tolle Vorstellung! Beinahe wie im Theater. Der letzte Akt. Fast wie im Theater, nicht wahr? Hat Broder dir das beigebracht?“ Ich sah ihn fassungslos an. Das war also der Grund. Für all das. Für seine Wut. Seine Verachtung.

Mein Blick blieb an der zersplitterten Scheibe der Vitrine hängen.

„Es tut mir leid, Georg. Es gibt nichts, was ich dir dazu sagen müsste. Es war nichts. Außerdem bin ich dir keine Erklärung schuldig. Du hattest kein Recht, mir heimlich hinterher zu schnüffeln, mich auszuspionieren. Das ist erbärmlich. Lächerlich. Du hättest mich einfach nur fragen müssen.“ – „Ach ja? Das ist keine Antwort auf meine Frage. Klar, du musst mir nur noch weismachen, dass du nichts erzählt hast, weil es so harmlos war. Also: Wie lange geht das schon? Ich bin bereit, mich zu entschuldigen. Tausendfach, wenn es nötig sein sollte.“

Tausendfach. Da war sie, die Gelegenheit. Die letzte Möglichkeit, noch einmal alles umzudrehen, zum Guten zu wenden. Zurückzukommen. Und dann? Wieder von vorn anfangen? So tun, als ob nichts gewesen ist? Mühsam kroch ich zurück, suchte den Anfang, den Ort, an dem alles begann. Klammerte mich an alte Gefühle. Vergeblich. „Ich werde dir keine Antwort geben, Georg.“ – „Nein? Wie du willst. So etwas nennt man wohl Schuldeingeständnis. In Ordnung. Dann mach deinen Auszug allein. Viel Spaß! Du brauchst gar nicht so mitleidig die Mundwinkel zu verziehen, so verdammt arrogant!“ Er brach ab, und ohne ihn anzusehen, wusste ich, dass es noch schlimmer kommen würde. Gleich. Unwillkürlich rutschte ich auf meinem Stuhl weiter nach vorn, zog die Schultern nach oben, während meine Augen den Fußboden absuchten in der Hoffnung, irgendetwas zu finden, woran ich mich erneut festhalten konnte. „Weiß der Teufel, woher du deinen Hochmut nimmst, Clara. An deiner Herkunft kann es ja wohl nicht liegen. Oder hast du schon verdrängt, was in dem Brief stand? Dein Großvater, der stramme Nazi. Warum eigentlich? Ja, diese verdammte Borniertheit! Vielleicht liegt es ja doch an deiner Sippschaft. Und hattet ihr nicht einen verrückten Kater, der Himmler hieß? Himmler! Das ist schon ziemlich abgedreht wie deine ganze Familie. Ich hätte es wissen müssen.“ Stille. Mein Blick durchbohrte den roten Teppichrand. Tizianrot. Er ächzte, knallte mit der Faust auf den Tisch und ich spürte, dass ihn soeben die volle Wucht seiner eigenen Worte getroffen hatte. – „Clara, ich liebe dich. Das habe ich nicht gewollt.“ Seine Stimme klang heiser. Und ich wiederholte stumm: Das hat er nicht gewollt, nicht wirklich.

Und sah den Nachbarjungen vor mir, der plötzlich, rasend vor Wut, begann, mit Händen und Füßen gleichzeitig alle Spinnen zu zertreten, zu zerquetschen: 27 an der Zahl, nachdem er herausgefunden hatte, dass es mir, der Sechsjährigen gelungen war, eine Spinne mehr einzufangen. Es war ein Spiel. Nur ein Spiel. Ich zitterte vor Ekel. „Das habe ich nicht gewollt“, rief er mir mit jämmerlicher Stimme hinterher, als ich, laut schreiend, davonlief. „Ein beunruhigendes Kind, dem die kriminelle Energie schon auf der Stirn geschrieben steht“, kommentierte Mutter beim Abendbrot den Vorfall und ihre Nasenflügel bebten vor Empörung. „Mit neun Jahren siebenundzwanzig Spinnen meucheln? Was für ein erschreckendes Ausmaß an Gefühlskälte! Der Junge wird im Gefängnis landen, noch bevor er richtig erwachsen geworden ist. Ich verbiete dir, dich weiter mit ihm abzugeben; wer weiß, wozu er noch imstande ist. Du bist einem Neunjährigen nicht gewachsen, schon gar nicht körperlich. Verrückte Tiere können gefährlich werden, grausame Menschen sind es immer. Ja, es ist traurig, Clara, aber da geht kein Weg dran vorbei; versuche das, zu verstehen.“ Ich heulte noch mehr bei diesen Worten, fühlte mich nun schuldig, in dem Glauben, ihn verraten zu haben. Mehrere Wochen lang stand er stumm auf der gegenüberliegenden Seite der Straße, die zu unserem Grundstück führte, bis er irgendwann verschwunden war. Mutters Prophezeiung ging in Erfüllung. Seine erste Jugendstrafe trat er mit siebzehn Jahren an und nie verließ mich das Gefühl ganz, dass Mutter mit dazu beigetragen hatte.

Tizianrot, dachte ich, und starrte weiterhin regungslos auf den Teppich, an dessen Rand kleine, weiche Flusen hingen. Georg schwieg. Das Schweigen kroch die Wände herab. Ich wartete. Und ohne mich umzudrehen, wusste ich, dass auch er wartete. Worauf auch immer. Auf eine Geste, auf ein Wort, eine Erklärung, auf irgendetwas, was doch noch eine Rückkehr möglich machen könnte. Ein Hinweggehen. Eine letzte Chance. Unerbittlich verrann die Zeit wie Sand in einer Eieruhr. Es war nicht so, dass ich nichts hätte sagen wollen. Wer gibt schon kampflos auf? Es gab sie nur nicht mehr. Die heilsamen Worte, die alles hätten rückgängig machen können. Fort. Geblieben nur die Erinnerung. Fort auch die Leichtigkeit, vergeben zu können. Der Wunsch, ihn anzufassen. Ihn nicht verlieren zu wollen. Wir warteten beide. Und dieses letzte stumme Warten war wirklich schlimm. Ich hörte, wie er eine Bewegung machte. Eilige Schritte. Das Geräusch einer Tür, die hart ins Schloss fiel. Es war vorbei. So sind Abschiede. Eiskalt.


Sieben Tage sind vergangen. In wenigen Stunden wird der Umzugswagen vorfahren. Da steht sie, die Schüssel. Angehäuft mit einer klebrig weichen Masse, bis an den Rand gefüllt mit Fragen. Warum? Aber das kleine Wort, unzählige Male in Gedanken zusammengesetzt, nicht ausgesprochen, verschluckt, überhört, je nach Bedarf ignoriert; wehrt sich. Rutscht von der Zunge, zappelt, fällt plattgedrückt zu Boden. Ich kann ihn hören den Fall: Klatsch! Schweißtropfen sammeln sich in meinem Nacken. Stapel von Büchern liegen zu meinen Füßen, aufgehäuft zu Türmen unterschiedlichster Größe, die nach und nach in braunen Kartons verschwinden. Ohne Wehmut. Natürlich ist das eine Lüge, aber was macht das schon? Fünf Jahre meines Lebens, die Stück für Stück auseinanderbröselten wie alt gewordener Kuchen und nun ordentlich verpackt in Pappkartons vor mir stehen. Ist das die Wahrheit? Wer hat Schuld? Irgendjemand muss schuld sein. Irgendwer muss Anteil haben an meiner Misere.

Ich sehe zurück. Weit. Noch weiter. Überspringe Jahre. Jahrzehnte. Durchstöbere staubige Ecken. Krieche in dunkle Kammern. Reiße Schubladen auf. Vorhänge fallen. Schlösser klicken. Ein arg zerfleddertes Sammelsurium, das mir lautlos entgegenfällt. Eine bittersüße Melange. Und abgelegt im hintersten Winkel finde ich sie: Enttäuschungen. Halbherzigkeit. Niederlagen. Gutgläubigkeit. Dummheit. Verschweigen. Bequemlichkeit. Nicht eingelöste Versprechen. Höre gestammelte Monologe, abgebrochene Sätze, hastige Beteuerungen, Flüstern, Geschrei. Tausendfach ineinander verschlungen. Verklebt. Zusammengewachsen. Festgezurrt. Vernarbt. Gebündelt zu einem schillernden Kaleidoskop. Alte Geschichten zu Plunder aufgehäuft. Im Begriff, mich abzuwenden, ziehe ich voller Abwehr die Schultern hoch. Da! Ein dunkler Schatten formt sich zu einem Pelz zusammen. Übelriechend. Dreckverkrustet. Eine lange Blutspur zeigt mir den Weg. Himmler?
Ja, vielleicht ist Himmler an allem schuld.

  1. Kapitel

Ich erinnere mich.
Es war heiß. So heiß wie augenblicklich. Eine nach Staub schmeckende Gluthitze hing über unserer kleinen Stadt. Mittagszeit. Kein Lufthauch. Kein Laut. Stille. Eine lähmende Stille, die nur durch meine kurzen Schritte unterbrochen wurde. Tapp, tapp, tapp…Meine Augen suchten den Straßenrand ab, starrten neugierig auf ein rundes Bündel, dem ich mich hüpfend näherte. Plötzlich bewegte sich der dunkle Haufen, erschrocken sprang ich zurück, zitternd vor Aufregung. Ein riesiges Etwas lag eng zusammengerollt zu meinen Füßen. Aus einer klaffenden Wunde am linken Hinterbein sickerte Blut. Der Anblick ließ mich erstarren, rief ein stechendes Kribbeln hervor, das sich durch den ganzen Körper ausbreitete. Er war groß. Niemals zuvor hatte ich mit meinen sechs Jahren einen so großen Kater gesehen. Und noch während ich vorsichtig niederkniete, stand mein Entschluss fest: Dieses hässliche Geschöpf würde ab sofort mir gehören. Mir allein. Der Kater wehrte sich heftig, versuchte zu entkommen, indem er schmerzhaft zubiss. Wieder und wieder. Endlos der Weg, hin und her schwenkte das lederne Riemenband der rotgestreiften Brottasche, schnürte meinen Hals ein, sodass ich kaum noch Luft bekam. Blut lief über die Unterarme, vermischte sich mit dem des Tieres. Loslassen? Nein, so leicht gab ich nicht auf. „Das ist kein Kater, das ist ein Kalb“, rief Mutter entsetzt, als ich blutverschmiert vor ihr stand, und weigerte sich, ihn anzufassen.

Das Erste, was er tat, als er wieder laufen konnte, war, den Postboten anzufallen. Lauernd hinter dem Brombeerbusch setzte der Kater zum Sprung an und hing Sekunden später am Hals seines Opfers. Schrie empört, während der gutmütige Postbote, starr vor Schreck, in Ohnmacht fiel. Minuten schienen zu vergehen, bis wir die Krallen des sich sträubenden Tieres aus dem Fleisch herausgelöst hatten. „Er will mich fressen“, plapperte meine kleine Schwester tags darauf ängstlich, kroch auf allen Vieren unter den Küchentisch, sobald sich sein dunkler Schatten im Türrahmen abzeichnete. Läutete es an der Tür, mussten wir ihn wegsperren, nachdem er Onkel Franz aus drei Metern Entfernung an den Hals gesprungen war. „Der garstige Kater fällt Clara nicht an, weil sie dieselbe grüne Augenfarbe hat wie er“, beschwerte sich meine älteste Schwester Anna empört, und obwohl ihr diese Bemerkung eine Woche zusätzlichen Küchendienst einbrachte, wandte sich meine Mutter anschließend an mich mit den Worten: „Clara, du hast die Angewohnheit, die wunderlichsten Tiere ins Haus zu holen. Entweder sind sie blind, taub, lahm, haben nur drei Beine wie Wotan oder sind gar völlig verrückt. Das ist seltsam. Ich hatte gehofft, du würdest uns zur Abwechslung endlich einmal ein ganz normales Tier nach Hause bringen. Was auch immer er ist; normal jedenfalls nicht. Woran liegt das, Kind?“ Mutter sah mich durchdringend an, bis ich, unglücklich und maßlos gekränkt, zu Vater lief, der mich tröstete, indem er mir erzählte, dass seine erste große Liebe ein Mädchen mit grünen Augen gewesen sei. „Merk dir eines, Clara“, flüsterte Großtante Helene. „Normal ist in dieser Familie keiner, dieses ruhelose Haus mit eingeschlossen. Sieh nur mich an! Was heißt das schon, normal? Es gab eine Zeit, in der es zur Normalität gehörte, den Nachbarn zu denunzieren. Anzuzeigen. Das, was heute als normal gilt, kann morgen schon ganz das Gegenteil sein. Nun ja, du solltest vielleicht nicht alles von der Straße auflesen, was dort herumliegt. Manchmal steckt der Teufel drin.“ Mit ihren goldenen Ketten klirrend, eine Säge in der Hand, rauschte sie hoch erhobenen Hauptes davon, schnurstracks hinter die Scheune, wo eine Holzskulptur auf ihre Fertigstellung wartete. Große nackte Frauengestalten mit noch größeren Busen.

„Wenn diese monströsen Gebilde nur ein Hollenbrincker je zu Gesicht bekommen sollte…“, flüsterte Mutter entsetzt, deren Gesichtsfarbe augenblicklich eine aschfahle Färbung angenommen hatte, und fügte mit lauter Stimme hinzu: „Das ist keine Kunst, Helene, das ist dekadent und unanständig. Tu, was du willst, aber nicht in meinem Garten!“ Helene zeterte, tobte und knallte tagelang mit den Türen, es halft ihr alles nichts. Sie musste ihre künstlerische Arbeit, für die Öffentlichkeit ungesehen, an einem anderen Ort fortsetzen; im hintersten Winkel der Scheune. Meine Großtante rächte sich, indem sie Wochen später ein Holzweib mit den Gesichtszügen meiner Mutter schuf, deren Hinterteil und Busen so groß gerieten, dass sie sich am Ende schweren Herzens entschloss, ihr Kunstwerk zu verstecken, um, wie sie sagte, Elisabeth einen Herzinfarkt zu ersparen. Der Kater schaffte es mühelos, die Nerven aller Familienmitglieder bis aufs Äußerste zu strapazieren. Insbesondere meine Mutter weigerte sich, dem mehr als seltsamen Gebaren des Tieres mit Humor oder gar Nachsicht gegenüberzutreten. „Seine Bösartigkeit macht mich nervös, Carl.“ Sie schüttelte sich. „Immer, wenn ich ihn beobachte, wie er lauernd in der Ecke hockt, fühle ich mich wie eine Maus, die um ihr Leben zittern muss. Er erinnert mich… ja… er erinnert mich… wie soll ich es sagen… er erinnert mich an einen Nazi“, entfuhr es Mutter Tage später, nachdem der Kater ihr hinterhältig eine blutige Kratzwunde am Bein verpasst hatte, und malträtierte die vor ihr liegenden Koteletts mit einem Fleischklopfer. „Carl?“ Nur an einem winzigen Vibrieren der Stimme konnte man ihre Unsicherheit heraushören. Vater stöhnte kurz auf. „Nazi? Großer Gott! Elisabeth, ich bitte dich! Er ist nur ein Kater! Du brauchst dich vor einem verrückten Kater nicht zu fürchten. Gib ihm Zeit, er war verletzt.“

„Ach…“, Mutter machte eine wegwerfende Bewegung. „Bist du denn blind, Carl? Hast du vergessen, wie er Franz an den Hals gesprungen ist? Und Maria… sie hat Angst vor ihm. Ich sage dir, er ist durch und durch böse. Und komm mir jetzt bloß nicht damit, dass das Tier irgendwann einmal schlecht behandelt worden ist. Wenn es danach ginge, müsste ich schon längst…“ Vater sprang auf: „Lissy, bitte… ich weiß, aber lass es gut sein.“ –  Er griff nach ihrer Hand. – „Nun denn, Himmler, ja, ich nenne ihn nur noch Himmler“, verkündete Mutter, schob die Hand meines Vaters zur Seite und holte kraftvoll aus. Herab sauste der kupferfarbene Hammer, um das letzte Fleischstück platt zu klopfen, und dabei blieb es. Himmler blieb. Und wurde nach und nach zu einer Plage, die uns heimgesucht hatte. Nein, viel schlimmer; die von mir mit nach Hause gebracht worden war.

Er mochte keinen von uns, nicht einmal mich, die ich ihm das Leben gerettet hatte, aber immerhin; er duldete es, dass ich ihm nahe kam, und außer mir schaffte einzig und allein nur Helene, unbeschadet an Himmler vorbeizukommen. „Wenn du mich nur einmal beißen solltest oder gar meine Nahtstrümpfe zerreißt, verbringst du den Rest deiner Tage im Turm; mit mir…“, verkündete sie drohend und beugte sich dabei furchtlos zu ihm hinunter. Der Kater legte die Ohren an, verstand; doof war er nicht. Widerwillig trat er den Rückzug an; angewidert – wie Onkel Franz später vehement behauptete – nicht ohne Helenes Worte mit einem warnenden Fauchen zu begleiten.

Aber es half.

Hatten wir vor der Ankunft Himmlers unserem Dackel Susu einen schwierigen Charakter bescheinigt, so mussten wir einsehen, dass im Vergleich zu Himmler die kleine Dackeldame engelhafte Züge trug, trotz ihrer Vorliebe, ohne Vorwarnung in Wadenbeine zu schnappen. Ganz zu schweigen von Wotan, unserem dreibeinigen, sanften Riesen, einer Mischung aus Dobermann und Rottweiler, der ab sofort heiliggesprochen wurde. Er schaffte es, die beiden absonderlichen Geschöpfe konsequent zu ignorieren, ja, fast möchte man sagen, ihnen mit schnöder Verachtung zu begegnen. Schon nach kurzer Zeit folgte die kurzbeinige Susu dem bulligen Kater, der sie um Längen überragte, ergeben. Das ungleiche Paar schloss einen unseligen Pakt. Gemeinsam gingen sie in den Nachtstunden auf Jagd. Mäuse, Ratten, Jungvögel, Küken, selbst Kröten und Frösche entgingen nicht ihrer ungebremsten Mordlust, wie es Onkel Franz bezeichnete, der geschworen hatte, Himmler den Hals umzudrehen, falls dieser ihn ein weiteres Mal anfallen sollte.

„Sie sind besessen“, flüsterte Großtante Helene beunruhigt, als eines Tages Susu, die vor der Kellertür stand, hinter der Himmler wartete, zu jaulen begann. Ihr stundenlanges Winseln erwies sich als eine Folter. Für uns. Maria weinte, Türen knallten. „Das muss ich mir nun wirklich nicht auch noch antun.“ Vater schüttelte missmutig den Kopf und verließ das Haus. Am Abend erfolgte dann die Kapitulation. Unser Versuch, die beiden Tiere zeitweise zu trennen, musste als gescheitert angesehen werden. Resigniert ließen wir die Dackelhündin zu Himmler hinein.
„Was für ein beunruhigendes Paar! So viel negative Energie unter meinen Füßen, das kann nicht gesund sein. Es ist, als ob sie unten ein Komplott schmieden, eines Tages werden sie uns noch das Haus anzünden.“ Helenes düsteres Unken gefiel uns gar nicht. Während Vater herzhaft lachte, schauderte es uns Kindern, nicht abwegig erschien uns ihre mit sonorer Stimme ausgesprochene Warnung und ein kribbeliges Unbehagen blieb zurück. Wir hatten ein Problem. Das begriff sogar die kleine Maria mit ihren vier Jahren, doch getraute sich keiner, laut auszusprechen, was jeder dachte. Die Tiere müssen weg! Wobei das eigentliche Hindernis in der Frage mündete: Wohin mit ihnen? Oder sollte man sie…? Nein, das nun doch nicht! Also wurde geschwiegen. Ich mühte mich redlich, Himmler zu lieben, buhlte um seine Zuneigung. Vergeblich. Am Ende kam, was kommen musste. Doch das ist eine ganz andere Geschichte.

Plötzlich sind sie da, kehren mühselig in dunkle Winkel gestopfte Bilder der Vergangenheit zurück; die Stimmen meiner Schwestern. „Clara, sei doch kein Spielverderber! Komm zurück!“ Vertraute Geräusche. Der gedämpfte Klang einer Violine. Leises Klirren. Besteck scheppert. Ein Topfdeckel fällt polternd zu Boden. Stimmengemurmel. Lachen, so nah, dass ich mich erstaunt umsehe. Stuhlbeine scharren über Fußböden. Ich sehe vor mir das Vertiko, dessen dunkles Holz von durchscheinenden Mosaiken durchbrochen ist. Farbige Butzenscheiben, hinter denen sich das Geschirr spiegelt. Bunte Glasmurmeln rollen über hölzerne Dielen. Weit hinten in der Ecke die alte Ottomane. Blasse verschwommene Farben, abgewetzt der dunkelrote Samt. Und in der Luft tanzende Staubfäden, die sich allmählich auf einem silbernen Kandelaber niederlassen, der wie ein schwergewichtiger Wachposten auf einer Kommode thront. „Irgendwann wird dieses eiserne Monster niederstürzen und einen von uns erschlagen.“ Großtante Helenes dröhnende Bassstimme vibriert in meinen Ohren. Sie irrte. Der Kandelaber allein blieb unversehrt bis zu jenem Tag. Unerträglich glänzend stand er an seinem Platz, umgeben von all den verkohlten, bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Gegenständen. Jener Tag, der alles verändern sollte.


  1. Kapitel

Ausgehverbot. Mutter hat mir verboten, abends noch wegzugehen.

„Bilde dir ja nicht ein, dass du um diese Zeit noch das Haus verlassen darfst. Schon allein deine Frage ist eine bodenlose Unverschämtheit. Anna hat in deinem Alter noch mit Puppen gespielt.“ Ich wusste, dass sie damit kommen würde. „Aber Hedda…“ – „Kein Aber, nichts mit Hedda. Deine Schwester ist zwei Jahre älter, darf ich dich daran erinnern? Du bist gerade erst fünfzehn Jahre alt geworden. Schlimm genug, dass deine Freundin um diese Zeit noch das Haus verlassen darf.“ – „Bitte, Mama, nur dieses eine Mal. Bitte! Ich verspreche dir, ich bleibe nur zwei Stunden weg. Punkt zweiundzwanzig Uhr bin ich wieder zu Hause. Bitte, bitte! Ich übernehme auch morgen den Abwasch und kümmere mich um die Wäsche. Ich flehe dich an… Morgen früh darfst du mich auch eine Stunde früher wecken, dann kann ich das Stück noch einmal üben. Nur heute… Sie wartet doch auf mich…“

Nichts hilft; kein Betteln, kein Bitten. Meine Schwestern verdrehen die Augen, kichern und zucken verständnisvoll mit den Schultern. „Dann hat er wohl Pech gehabt, der Kleine. Du kennst doch Mutter. Pass bloß auf, dass sie nicht herausbekommt, dass du dich mit einem Jungen treffen wolltest. Wehe, Clara, wir kriegen es dann alle ab.“ Aufgebracht laufe ich nach oben zu Helene, um mich bei ihr zu beschweren. „Wie gemein sie ist! Wie herzlos! Sie denkt nur an sich. Und Vater ist noch viel schlimmer, immer ist er auf Mutters Seite. Immer! Nie hilft er uns! Ich bin doch schon fünfzehn Jahre alt. Fünfzehn! Warum ist sie so hartherzig, Helene?“ Meine Großtante lächelt müde, seufzt. Zu meinem Erstaunen antwortet sie nicht, sondern beginnt nur unruhig nach ihren Zigarillos zu suchen. Mutters wütende Stimme dringt nach oben. „Clara, sofort kommst du herunter! Sofort! Und keine Widerrede! Morgen findet das Vorspiel statt, hast du das schon wieder vergessen?“ Blödes Konzert! Mir doch egal. Da kann sie lange drauf warten… Nun wird sie auch noch auf Helene sauer sein, und doch werde ich gehen, ob sie will oder nicht!

Um dreiundzwanzig Uhr schleiche ich mich heimlich hinaus, nicht ohne vorher eine alte Perücke auf das Kopfkissen zu legen und das Bett aufzubauschen, falls mein Vater einen Kontrollgang durch die Zimmer machen wird. Springe zitternd vor Glück im ersten Stock aus dem Fenster. Folge dem Mondlicht, das, eine schmale Schneise schlagend, mir voraneilt. Sommer. Was für ein Sommer! Die Luft so mild, so warm wie eine Decke, erfüllt vom betäubenden Duft weißer Heckenrosen, die in langen Reihen hinter der Scheune wachsen. Es riecht nach den Blüten des alten Lindenbaumes, nach Heu und Wacholderkraut und Rosmarin, nach Gras, Erde und Efeu. Es riecht nach Sommer. In den Büschen schweben Glühwürmchen; hüpfende Leuchtpunkte, die immer neue Kreise bilden. Ein Wispern und Rascheln, Knistern und Raunen. Hinter mir, neben mir, überall. Grillen zirpen im Gehölz. Bemüht, den Rest eines schlechten Gewissens abzuschütteln, greift meine Hand nach dem hölzernen Gartentor. Hätte sie mir erlaubt zu gehen, müsste ich mich jetzt nicht mitten in der Nacht heimlich aus dem Haus schleichen. Das hat sie nun davon. Es ist ganz allein ihre Schuld.

Sekundenlang spüre ich ein banges Zögern, drehe mich zurück. Herzklopfen. Im Turm bei Großtante Helene zaubert das Licht einen gelben Reifen. Ist es eine Täuschung? Ein kaum sichtbarer Schatten bewegt sich hinter einem der im zweiten Stock gelegenen Fenster; geisterhaft, unwirklich. Wer mag das sein? Kichernd hebe ich meine Hand. Spüre den plötzlich aufkommenden Schauder, ein kurzes Frösteln, das die Haut auf meinen Armen zusammenzieht. Sollte ich… doch nein, kein Zurück. Nicht in dieser Nacht.

Das Tor ist abgeschlossen. Streife achtlos die Schuhe ab, klettere barfuß über den Zaun und lasse es hinter mich: Das schlechte Gewissen. Den Streit. Die Angst, dass sie mein Fortgehen entdecken könnten. Ein letzter Blick zum Gartentor. Suchend gleiten meine Augen durch die Dunkelheit. Wo sind sie? Meine Sandalen… egal. Beginne zu laufen. Das fahle Licht einer Straßenlaterne zeigt mir den Weg zum Mühlentor. Ich laufe schneller. Wird er noch da sein? Ich bin viel zu spät… drei ganze Stunden zu spät… aber nein! Eine dunkle Gestalt bewegt sich auf mich zu. Läuft mir entgegen. Er ist da… er hat gewartet! Und in dieser Sekunde zerfällt der letzte Zweifel.

Irgendwann, gegen zwei Uhr, kommen wir zurück. Leise tuckert der Motor. Schweigen. So leicht. So schwerelos wie unsere Küsse. Das Scheinwerferlicht scheucht Scharen von Nachtfaltern auf. Fledermäuse streichen über unsere Köpfe hinweg. Dunkle flügelschlagende Schatten, deren Sirren die Nacht erfüllt. Die alte Laterne taucht auf. Der Motorroller biegt nach rechts in den Sandweg. Was ist das? Ein komischer Geruch steigt mir in die Nase. Plötzlich zerreißt der Ton einer Sirene die Stille der Nacht. Scheinwerfer leuchten auf. Grell. Ein hartes Licht zerfetzt die Dunkelheit. Der Gestank… da brennt doch was… aber wo kommt es bloß her? Wo? Da ist doch nichts… nur unser… nur unser…

A Houseful of Ghosts

Chapter 1

A perfectly normal day at school. Or so I thought.

Broad bands of light were pushing their way in through the wide-open windows and settling on the tables and benches, their brightness releasing the countless specks of dust from their shadowy existence. It smelt of our teacher’s perfume and of horse dung; big round piles of it that Farmer Lehmann’s nag had once more dumped with precise aim right outside the school gate.

The farmer, questioned about this by our gentle headmistress after she had slipped on one such pile, is said to have replied, with a broad grin on his face, “He shits when he has to shit.” To this truly outrageous answer she is said to have retorted that it would be a red-letter day for her when the swinish beast finally departed this life.

Swinish? Beast? And who was meant by that? Lehmann or his nag?

The story went round the town like wildfire. A few days later our headmistress indignantly denied having said any such thing, which didn’t surprise anyone—after all, she was on the committee of a society for the prevention of cruelty to animals.

Be that as it may, in that class we were talking about pets. Then all at once Frau Nüsslein told me to come up to the blackboard and write the name of my cat on it.

Nothing easier, I thought, and immediately skipped down to the front. One letter after another appeared and before I turned round to face the class again, I still thought it was a perfectly normal day. One like so many before. With noise and quiet, giggles and quarrels, from the first to the last bell.

Quite content with myself, I dropped the piece of chalk into the little box that was attached to the lower frame of the blackboard and turned round, without a care in the world. My eye fell on my teacher’s thin legs, slowly moved higher, paused, caught up in all the squares of cloth from which her skirt was made, continued upwards over her long, white neck, that was always swaying to and fro a little, like the curved neck of giraffes with their gentle gaze, until they reached her eyes. And in that moment this perfectly normal day was shattered. Bang! Just like that.

Pointing her outstretched forefinger straight at me, Frau Nüsslein said—no, she hissed—in a menacingly toneless voice, “You should be ashamed of yourself, child.”

I was ashamed of myself. On the spot. Without understanding why. Felt the waves of heat sloshing around in my body, rising, turning my cheeks red. Bright red. Red as a beetroot. And then everything went quiet. So quiet you could hear a feather drop. Twenty-four pairs of eyes were staring at me. I couldn’t hide my face or run away, and even if I’d tried I wouldn’t have got anywhere because Frau Nüsslein was standing there, right in the middle of the doorway. And she was staring too. If only she’d said something to me. Just one single word. But she was silent, remained silent, her eyes fixed on me, piercing eyes that forced me to stay standing there.

Somewhere a clock was ticking away quietly. In desperation my fingers started to clutch at the round buttons of my cardigan, while I mutely looked for a way out, racked my brains to understand why, until I finally realized that there could only be one reason for the irate expression on my teacher’s face: the name of my cat.

That was crazy. It didn’t make sense, no sense whatsoever, but I had to do something to get it to stop, to go away: that reproachful look. My teacher’s outstretched forefinger that was still pointing at me. So I took a deep breath, picked up the piece of chalk in my right hand again, at the same time sticking a strand of hair in my mouth with my left, and wiped it off, the first letter. Replaced the capital ‚H‘ with a ‚B‘. Now ‚Bimmler‘ was written on the blackboard. My legs began to quiver.

“Bimmler? Well, yes… of course,” Frau Nüsslein said, rolling her eyes a little. She took one last deep breath and dropped onto her chair with a quiet snort. “That’s an amusing name. Why didn’t you write it like that the first time, Clara?”

Again I went bright red, because Bimmler didn’t just sound stupid but was a lie as well. Somewhere inside my head I could hear my Great-Aunt Helene pontificating, “It always starts with a lie and ends in purgatory.” She was everywhere, inescapable, even in this classroom, and for a moment my situation really did seem hopeless.

I turned my head to one side a little.

“But you don’t have to pull a face like that.” My teacher’s voice sounded conciliatory. “Now off you go, back to your place.” She clapped her hands. “And stop chewing your hair, will you. It doesn’t make things any better.”

It wasn’t any better, but at least things were back to normal. For Frau Nüsslein. Not for me.

Something had changed.

Sulking, I crept back behind my desk. Crushed. Longing for the class to end. I thought of Uncle Franz, who could swear like a trooper, and wished I had the courage to do so too. But no… it was clear that I’d messed it up, this class, this day, everything. My fingers were still tugging at the buttons of my cardigan, while I was squinting through half-open eyelids, all the better to follow my teacher’s every movement. Secretly. Until I gradually calmed down. Could breathe out. Managed to let go of the buttons I’d worn smooth and that by now were dangling from a few loose threads and swinging to and fro at my every movement. And then the shrill ring of the school bell brought the class to an end.

Tell them all about it at home? No, I wanted it to be all over. Not to go through it again. So I decided to erase the whole thing from my mind, as if it had never happened. My bright red face, all that about stupid Himmler and the switched letter and everything. Yet despite that, I couldn’t get rid of the feeling: something had changed.

“Life just goes on, that’s the way things are,” warbled my mother hours later in the kitchen at the top of her voice, beating time with a wooden spoon and making such a terrible clatter that anyone who could—even Father—took to their heels.

Perhaps she was right. You just have to accept it. Like the quirks of the weather. Like the colour of my hair, that I hated, or Uncle Franz’s hunchback that sometimes looked sad, sometimes funny but was always there. There are things you can’t change, especially, as the whole of Hollenbrinck knew, my Great-Aunt Helene who, as I well remember, on a hot August day inundated us in one of her legendary monologues that left us gasping for breath.

“Three people dead in one day! Three! They’re dropping like flies. Jesus, Mary and Joseph! It’s not normal, I tell you. Chance? Stupid prattle. There’s no such thing as chance! Heat knows no mercy, drives both man and beast out of their minds. It’s only two days ago that Lehmann was almost trampled to death by his bull in the field. He had to run for his life and that with his stiff leg. ‚My favourite bull. I reared him myself on the bottle. How could he do that to me?‘ Lehmann complained out loud, with much moaning and groaning. But come on, now. Is that credible? Since when are farmers attached heart and soul to their beasts? Haven’t they got better things to do?

“He stood there in front of me, the tears streaming down his face. Well, who do you think? Lehmann, of course… I’m not exaggerating at all. You can ask Friedrich from the baker’s, he was standing next to me. Now Brunhilde’s insisting he’s to go to the slaughterhouse. The bull, of course, who else? Not Lehmann! Though… You know Brunhilde. It’s no wonder the farmer loves his hairy beasts so much. I’ve been wondering for ages now about the capacity for suffering a man must have to put up with that termagant for thirty years.”

“Helene!” There was an undertone of warning in Mother’s voice.

My Great-Aunt gave an indignant sigh and waved her hands in a theatrical gesture. “I suppose I’m never going to be allowed tell the truth. Or am I?” Without waiting for an answer, she went on, “Lehmann refuses categorically to take the animal to the slaughterhouse. After all, the bull with its birdbrain can’t help it. Having to stand in the meadow for hours in the blazing sun would make any stupid hunk of beef turn into a raging beast eventually. But that heartless woman! Brunhilde… Where would we be if anyone who happens to go off their head was sent straight to the knacker’s yard? After all, he isn’t some castrated Pekinese. Franz!”

My uncle flinched guiltily and tried in vain to hide behind Father’s back from Helene’s look of disapproval.

“I really don’t understand what’s so funny about this. You only need to open the newspaper and you can read all about what this ghastly tropical heat is doing. They’re hanging themselves in the barn, running over people and killing them, striking their neighbours dead for no reason whatsoever, poisoning their spouse, setting fire to their own home. Not to mention robbery and fraud. High temperatures make our brains rise like dough and madness is just around the corner. I bet it’s the Russians who’re to blame—for this sweltering heat of course! Haven’t you noticed? There’s hundreds of them in subterranean experimental laboratories. I hate to think of all the things they’re cultivating down in those bunkers, and they’re poisoning the air with their blasted rockets. And the Americans aren’t much better, either. Then those atomic power stations. Yuck! We’re gradually being poisoned and don’t even realise it. But don’t you worry, darling—we survived Hitler and we’ll survive everything else. The Germans aren’t that easy to kill, not even with contaminated drinking water. But still, you keep your eyes open, Clara, you can never be cautious enough. As you know, contra vim mortis, non est medicamen in hortis.”

She she looked round, a glint of triumph in her eye. Father, amused, smiled to himself while Uncle Franz, who didn’t know any Latin, started to wheeze irritatedly. “However that may be, child, never make important decisions when the thermometer’s over thirty degrees,” my Great-Aunt said in conclusion, uninhibitedly waggling her red-painted toenails.

I observed Helene closely. She isn’t like the others, was the thought that occurred to me. And Mother, whose giggles sounded like those of a schoolgirl, confirmed my unexpressed opinion by whispering, with her hand over her mouth, “When she starts to excavate her Latin, there’s no knowing when it’s going to end. There’s no remedy for death is what she was saying, my dear? Nor for Helene either, I’m afraid. Tough as old boots she is. Freud would have got nowhere with her. Pity really, then we’d perhaps have been spared the Oedipus complex. Don’t get me wrong,” she went on more quietly. “I do love her, but her tirades will be the death of me. You could put her in the desert for thirty hours and I bet she’d still be talking when the others were all dying of thirst. I hope none of you have inherited her boundless verbosity. And anyway, what’s all this about the heat. People are always dying. High temperatures drive people mad? Where did she get that from? From her crazy books perhaps? Helene is equally mad on all 365 days of the year, no matter whether they’re hot or cold…” I had a fit of the giggles. There was a lot in what she said. Yet I was still not entirely convinced by her argument. There was something else after all…

I scrutinized my mother. She hadn’t sat down on but in front of the sofa. Cross-legged. Wasn’t she also… in some way… different? Those black pullovers she liked to wear. She had so many that, according to Helene, she could have kitted out a medium-sized party of mourners with them. “And,” my great-aunt had added, “it would be very practical if you were to set up clothes-hire shop right next to the chapel. There at least the things would make sense.” Mother sulked for days after that remark. The fact was that no one in Hollenbrinck wore black pullovers except for funerals. Not even Hans, who washed the corpses and whose round moon face was covered in huge pimples ever since I could remember; he had a slate loose—a whole roof’s worth, Helene said—and no one would have been surprised if he’d worn one. But he didn’t. Not even him.

But worst of all, and in this we were in agreement, were Mother’s awful baggy trousers. Helene, who was giving her tongue a rest for a while, had seen what I was looking at.

“Good God, Elizabeth, just look at yourself. You’re going round like a Bolshevik. Yes you are. All you need is a red flag for you to wave. At your age! How can you let yourself be seen by your children in that get-up? Perhaps you haven’t noticed, but what you’re wearing are not the kind of slacks someone like Marlene Dietrich would wear, but two cheap, grey tubes of cloth. Real communist pants. Just have a look at them. What a hideous item of clothing!” Uncle Franz smirked.

Patches of red appeared on mother’s cheeks, she leant forward in a pugnacious pose, which didn’t bother Helene at all. “Dressed like that Mao would immediately offer you asylum,” she went on, unmoved, “get you to march in the front row, Elizabeth. What a disaster! It’s because you never go to church. How can you do that to Carl?”

My uncle, who was sitting opposite me, slapped his thighs with glee. Everyone laughed, even Mother, but the tautness at the corners of her mouth told me she wasn’t really amused. “Since my children daily enjoy the spectacle of your bourgeois way of life, Helene dear, they won’t be harmed by just one communist, with or without a flag, you can be assured of that.” She’d turned the tables on Helene and the laughter was all on her side now.

And what about Father and Uncle Franz? And what is a Bolshevik anyway? And why did Father always wince when I called Himmler? On that afternoon I began to suspect that a great-aunt, however scurrilous she might be, could not be the only reason for the furtive glances we regularly received from the neighbours. I realised that my family was different. But who wants to be different? You don’t choose to be like that, it irritates people. Since that day I felt I knew what I didn’t want to be: different. I screwed up my eyes and secretly folded my hands under the table. And that was where it all started.

Chapter 2

More than twenty years have passed since then.

Why didn’t I ask any questions? Back then. With a flick of the hand I shoo them away, those old shadows that have long since belonged to the past, sense some resistance, a slight feeling of disquiet, and push another cardboard box to the side. This way or that. Or perhaps some quite different way. What the hell! Actually everything could be quite simple. I don’t hang a red flag out of the window, no one would think of calling me bourgeois, I’m neither an eccentric nor a militant. The only striking thing about me is the colour of my hair and yet I have this stupid feeling I’ve messed things up again. After all, I’m going away. Leaving Frankfurt. The theatre. My friends. Packing up. Five years of my life are disappearing into crates and boxes. My years with Georg. I ought to have known. Actually. Or perhaps not. The blue sky has gone. There’s no crescent moon rocking in the sky any more. Messed things up. Simply messed things up. Time is tugging at me. The landlord in Basel is waiting. In a few days I have to be in London. It’s hot. Sweltering. That’s all I needed. But that’s as it should be. Yes, it fits in. The desire to escape is getting more and more urgent. To escape the heat, be able to get away from it. That could be a good excuse. It’s thirty-four degrees on the thermometer. In the shade. I’m inclined to agree with Helene—retrospectively. For who can say? Perhaps it is actually this shimmering heat we’ve had for weeks now that’s forcing me to go. To leave Georg. So quickly. So suddenly. No matter. That’s an end to the matter and that’s what matters.

Impatiently my eye runs over drawings, photographs, a framed film poster. And it continues to run, goes down, searches, turns away, searches again, gets caught. I stare at them: sockets. Three sockets. At right angles. Spotless. Ivory. Georg installed them himself. My eye feels its way forward: three on each wall of the room. Every room has four walls, so in this room there are twelve sockets and, I almost forgot, four light switches. In every room in the house. The house has nine rooms, which means there are a hundred and eight electric sockets and thirty-six light switches. In my mind I go downstairs, stop at the entrance to the basement: drying room, guest room. Open three doors that go with the three baths. Go on counting. My route takes me to one of the kitchens that is on the second floor. I go down again. A hundred and eighty-nine sockets and light switches that I’ve been living with for five years. And with Georg. “The best there is on the market at the moment, Clara. Not to mention the price.”

So what? A harmless quirk, an obsession. Who can claim to be free of that kind of thing? Nobody’s perfect. Yes, harmless, silly, over the top, but somehow also suspicious. Worse still: it can’t be mere chance that I’ve been living with a man who is capable of paying so much attention to something as ordinary as an electric socket. And now? At this moment wherever I turn, wherever I look, they fall on me, from every crack, from every corner, even from the ceiling: words, a long series of words that fell in this room precisely seven days ago.

“If you want to leave me, then go ahead and do so.” Georg quickly stood up. There was a pause. “Don’t try to change me, Clara.”

“I’m not trying to do that. I just want you to understand me.”

“Understand? I’m sorry but I don’t know what you mean. Do you seriously believe that a single one of your highly praised plays, with all its social criticism, its stage set dripping with blood, has ever stopped a swindler carrying on swindling the next day? Made a murderer give up murdering? The theatre is nothing more than a hugely expensive amusement, a money machine which, in contrast to the film industry, mostly doesn’t pay its way. A bit of glamour, a touch of fancy-dress, a pinch of morality and, of course, a show of making people feel guilty, and the next day life goes on as it was before.”

He looked at me in a way I’d never previously seen.

“And then all the fancy talk, the superior, affected posturing! I’m an artist… my life belongs to art. Wallowing in self-sacrifice! Money isn’t important… donations for the Third World. Do you know what goes on behind the scenes? Your aesthetes are after every last cent. And woe betide the lawyer who overlooks one single mark. And those of them whose market value is high enough, my dear Clara, insist on being paid for any appearance, whatever and wherever it is, by the minute, so to speak. And as for the two of us: I’m not an artist, but you knew that from the very beginning.

“This is the difference between us: I valued your work, went with you to every premiere and what did I have to watch: incest on stage, all kinds of perversions, paedophiles, women murdering their children, rapists; everyday life as we know it, yes? Burping, spewing, torturing, slaughtering. Endlessly wallowing in filth. Of course. Nowadays there’s not much mileage in a perfectly normal murderer, no, at the very least it has to be a sadistic butcher gleefully juggling with severed limbs. May I remind you? Two years ago you had an argument with Hansen because he insisted your set had to be transformed into a slaughterhouse, a chamber of horrors of the worst kind. You didn’t get very far. Hansen reminded you very clearly who made what decisions. Eventually my dear Clara managed to find the strength to grin and bear it. And then? Did I get worked up about it? No. I made the effort to see artistic freedom in it, even admired the courage of a director such as Hansen, his couldn’t-give-a-shit attitude. And what happened? The boos from the audience went on for minutes on end. And there were the foreseen and hoped-for banner headlines: Disgusting! Obscene! There were naturally voices on both sides but despite that the totally superfluous production, full of sound and fury, signifying nothing, rapidly vanished into the void whence it came. Thank goodness the audience put an end to the whole business by simply staying at home. Hansen called, but no one came. All at once the city was visited by a strange flu epidemic but, inexplicably, only certain sections of the population were affected. It was bloody funny. If gloating were a team sport, Frankfurt would have won the European Cup.

“However, at least you profited from the media frenzy, that you can’t dispute; also from the streams of blood that just came spurting out of body parts and limbs by the litre during the premiere. It looked damn genuine. So genuine the people in the stalls couldn’t help vomiting. True, the blood-soaked Punch and Judy show was Hansen’s idea, not yours, but you had the choice. Didn’t you? I can still remember that unforgettable evening clearly. Long before the end of the show, when countless members of the audience had left—had fled—the theatre, you ran off, weeping. And where did you hide? In the costume store. But from that point on you didn’t need to look for commissions, they came automatically. And with that monstrous production old Hansen even managed to walk off with awards. Awards! If we lawyers were to cook up such a disaster, such a load of crap, we could shut up shop the very next day. With you lot it works the other way round. What a crazy world. They say ‚art‘ and what they have in mind is business. Everyone wants to make money, Clara. That’s the way things are.”

That’s the way things are? Perhaps that was it. Perhaps it was precisely those five words that had caused our relationship to end in ruins.

That’s the way things are. A sentence that sat between us at table. Went to bed with us. Clung to me like ivy. For a long time unnoticed. And later, after I kept on stumbling over it, I could think of nothing better than to simply dismiss it. There were more important things. There were always more important things. So I tried to let the words pass, ignore them. Stuffed my ears full of cotton wool. Too late. Nothing was any use any more. The apparently insignificant sentence trailed along behind me like an endless loop. “That’s the way things are, Clara.”

I looked at him. For the first time I noticed the deep furrows etched in his cheeks. He works too hard was the first thought that occurred to me and at once my guilty conscience announced itself. That you’re-to-blame feeling. Being unfair. I felt something like panic rising in my throat. Was I about to make an unforgivable mistake? Two months ago we’d celebrated his fortieth birthday. Five years ago he wouldn’t have said these things. Not like that. Or would he have? Had I just not been listening properly? It wasn’t his criticism that bothered me but what was behind it: everyone can become a murderer; everyone wants to make money; anyone who’s sure they won’t be caught will swindle people; everyone’s corruptible; no one’s free from guilt. He was making that kind of statement more and more often. He didn’t notice any more. It seemed to me as if he were trying to justify himself with these assertions. Soothe himself. For what he did. Did successfully. Helping people who wanted their money back, whether they had a right to it or not. Defending murderers and rapists who had the word ‚guilty‘ smeared across their foreheads in blood. Being guilty and being found guilty depends on who’s defending you, he used to say. He knew I couldn’t stand that assertion. Had he always been like that? I looked at him. And if not, how did he use to be?

I needed a lawyer.

Georg worked as a defence lawyer. But he also had a good reputation as adroit and dedicated in negotiating fees. A woman I knew who was also a stage designer recommended I go and see him. So I phoned his chambers and got an appointment. I rang the bell. He opened the door, smiled and four weeks later we moved in together.

It was love, I thought, and at least during the early days of our relationship it was something very close to that feeling. My friends were surprised and divided in their reactions. There were those in favour, who had a high opinion of him, not only as a lawyer, and those who prophesied that it would all be over inside a year at the latest. The latter were wrong.

Georg was someone you either liked or couldn’t stand. There was nothing in between. Raimund Broder, who had engaged me for a season at the Frankfurter Theater, was one of those who couldn’t stand him. From the very beginning. I knew what his opinion was. In selecting people to work with him Broder relied, so he said, on his sound instinct, his unrivalled knowledge of human nature, and boldly claimed they had never let him down. That was not just a gross exaggeration, it didn’t correspond to the truth either. It had quite rightly brought him his enemies, but he could afford to have enemies, as he put it. Indeed, it even seemed that there was a certain pride about the way he took pains to preserve their enmity. Consequently there were more than enough reasons not to like him. The stupid thing was that I not only liked Broder, I valued working with him very highly.

There were many reasons why I’d fallen in love with Georg.

I loved his capacity for enthusiasm. He was passionate. Never bore a grudge. I appreciated the way he called a spade a spade. It was unimaginable that he would turn up late. I admired his intelligence, his knowledge, that wasn’t restricted to legal rulings. I was impressed by his absolute determination to be successful. I found all this infectious. We could spend the whole night arguing about things. Georg never seemed to get tired. It was a fact that neither of us needed more than six hours sleep. In our first years together we would wander round the town, just the two of us or with friends, until the early hours. Whilst I could then have a good sleep, he got up at eight every day without exception. I realised that his days were planned down to the very last detail, but that didn’t bother me since in the early years he would often jettison his prearranged schedule. We took the opposite stance in many things, had different opinions, belonged to worlds that couldn’t have been more different and yet it was these differences that attracted us to each other. We seemed to complement each other perfectly.

Two years after we first met a good barrister had turned into a successful one who could pick and choose his clients. He continued to work as defence lawyer, the difference being that the cases he now undertook were more special ones. Very special. Murderers and the like whose violent crimes had been all over the media. No one, not even I, could dispute his argument that every murderer has a right to be defended.

“But why does it have to be you who defends these people, Georg? You?”

“Why not, Clara? Someone has to defend them.”

I didn’t like the idea of him sitting in a room with these violent criminals. For hours on end. Listening to them tell him in gory detail how they had committed their murders. Reading reports full of the most horrible details day after day. And then all those photos… The very thought made me feel sick. I even secretly thought that some of it could stick. What happens to all those words and pictures? Where do they go? What do they do? What does he do with them? Does Georg dispose of them afterwords, like a sack of non-recyclable rubbish? Does he really believe he can get rid of the contents of his files that easily? It can’t be that simple? I started to brood over it. So what happens then? All of that must collect somewhere. Change his perception. His view of the world around. Of life. Of me. Of our friends. Of good and evil. The horrors merely commonplace events?

It sometimes happened that when he came home after a day in court I looked at him for longer than usual. Searching for signs of change. It amused him. “Stuff and nonsense, Clara. That only happens in your plays. If it were true, it would mean all defence lawyers had a screw loose. I don’t have dreams in which I’m being pursued by some serial killer, and I won’t have any in the future either. Don’t worry. On the contrary; I sleep soundly. Once the last day of the trial is over, the file disappears with everything to do with it. It’s that simple.” That simple?

“But you only defend the worst of the bad ones. Don’t you notice that any more? They’re not your ordinary murderers. Does it have to be the most dreadful ones, Georg?”

“The most dreadful ones are amongst us, Clara. And most of them are severely disturbed.”

“Yes, but that doesn’t make them any the less dreadful. And you don’t have to go to bed with them every night.”

“It’s you I go to bed with, Clara. Have you forgotten that already?”

His laughter calmed me down. He was right. My misgivings were stupid. I’d become obsessed. But still, the years left their mark on me.

Georg became more taciturn and avoided talking in greater detail about individual cases. Every time his name together with that of a murderer leapt out at me from some newspaper article, I had to repress my unease.

There was a sensational case that occupied the media for weeks on end. Georg had managed to get a young man acquitted who had been accused of killing his lover in a most sadistic way. We were having supper. He suddenly looked up and said, “He chopped the girl up, bit by bit, Clara; no doubt about it. The prosecutor made a mistake with the result that the evidence wasn’t allowed. I caught him out. His bad luck. I’m not proud of it, but I couldn’t do anything else. It’s my job to defend my client. To make the best of it. That’s the way things are.”

I stared at him in disbelief. The best? But what was the best? His explanation had been detached, unemotional. He’d done a good job. Won. Shouldn’t I be pleased? Congratulate him? I stared down at my plate. I just couldn’t. His smile couldn’t hide the weariness and tiredness that had etched deep furrows on his face. How did he feel about it? There was no sense of triumph reflected in his eyes but not a trace of doubt either. How did he feel about it?

For the first time I was afraid of what he might say and bit back my question.

That evening I became aware that something had changed. I couldn’t go along with him any more. Without noticing we’d become estranged.

Everyday life did the rest.

We were working hard. I often came home late, while Georg had to get up early. As well as that there were rehearsals and meetings at weekends, of course. All of which left us left little time for ourselves. Our appointments diaries were so full for weeks and months ahead that we had difficulty finding weekends when we were both free. The more demanding his clients from business were, the greater the sums of money at stake, the more spectacular the murders of the accused whose defence he had taken on, the more visible the change in him became. He refused to accept that, but his mood grew darker. His irony turned into sarcasm. He became harder and more demanding of himself and of others. More sensitive. More cautious. More jealous. His success and the constant increase of pressure made him more suspicious. He took great care about what he said and to whom. Only when we were away from Frankfurt did some of his old carefree self re-emerge. And despite that the estrangement between us increased. To the point we had just reached. The end point.

I waited. Knew he hadn’t finished yet.

“We’ve both changed, Clara. We’re older. People change. And then we see the world with different eyes. A little more detached, perhaps, we’ve lost our illusions, but that’s quite normal. Why fight against it?”

“For you it’s normal, Georg, but I don’t want to be like that. I don’t want to see things the way you do. So detached. I simply can’t. Money isn’t important enough to me.”

“No problem, Clara. I don’t want to rob you of your illusions, but you surely have to accept that we have different priorities. There are many advantages to having influence. What I possess today is the result of my own hard work. No swindling, no corruption. Should I have a guilty conscience? No. Or are you trying to tell me that my success meant nothing at all to you?”

“No, it did mean something to me, but I admired what came before it.”

“Yes, you’re right. It wasn’t my money that impressed you. You aren’t interested in money and actually I was always glad about that. But still: two months ago I gave you a present of a diamond ring. And what did you do with it? It ended up in some cardboard box or other. A ring that’s worth as much as a small car. The day before yesterday I even found it on the floor, beside the lavatory bowl. I bet that at the moment you’ve no idea where you put it down. You were genuinely pleased with the gift, that’s true, but let’s be honest: a ring of any old metal would have made you just as happy. It’s strange. You have to take life as it comes is your motto, and of course you automatically assume that life will come along and deposit you on the sunny side. No matter how it comes. And I’m sure that’s what would happen. But how? What is it? Is it something you’re born with? Odd that I’ve never noticed this before, but you’d get on really well with the very rich. It’s the same snobby self-assurance. And what if the ring I gave you gets lost? You’d probably be happy at the idea of a beggar being able to live well for a few weeks on the proceeds from it. Only that’s just what you’d like to think. The truth is that your junkie would spend it on booze, an overdose or whatever, but you wouldn’t believe me until you’d seen him lying there in a toilet, all washed out and worm-eaten. And couldn’t take your eyes off his vomit. It’s really astonishing, a mystery to me, how you, with all your naive ideas, your romantic view of society, can create those stage sets absolutely dripping with blood.”

I avoided his eye, fixed my gaze on a gleaming vase. Art nouveau, I thought and, I hate art nouveau.

“The point at issue is not whether I believe you, Georg. Perhaps you’re even right. The junkie might well end the way you just described—or perhaps not. And even if I’m wrong that’s no reason to say that everything I believe in is a load of rubbish. After all, you can get things wrong as well.”

A book fell on the floor.

I watched him kick it away, lean forward and take out another. Case Law was written on the spine.

Case Law. My attempt to see the funny side was a total failure. I’d gone cold. I listened to the noises out in the street that could be heard in the room, though muted. A car horn. Children’s voices. Actually a perfectly normal day, was the thought that went through my mind, just like…

For a few seconds I was back in the much too small classroom with the crooked walls, saw myself out in front at the blackboard. Impossible to run away. Slowly I lifted my head. Suddenly there was a loud crash. The tinkle of glass. The tome of case law was dangling from a shard of broken glass in the display cabinet.

He turned round to face me. There was fury in his eyes and something I’d rather not have seen.

“Oh yes, I’d almost forgotten. I have to tell you that I’ve been informed that for several weeks now you’ve been meeting a journalist called Ben Kohlmann. How I came to know is neither here nor there. We should get this sorted out as quickly as possible. It would be nice if you could move out during the next week. I’d be happy to arrange for a removal van. Or are you prepared to give me an explanation?”

He paused. I stared at him in disbelief.

“Clara! Have you gone deaf? Or dumb? That left you speechless, has it?” He almost screamed my name. “For Christ’s sake! OK, if that’s the way you want it. Cowardice is a comfort zone and you’re not prepared to abandon it, even now. What a great performance! Almost like in the theatre. The last act. Almost like in the theatre, isn’t it? Was it Broder who taught you that?”
I looked at him, stunned. So that was the reason. For all this. For his rage, his contempt. My gaze was still fixed on the shattered pane of the display cabinet.

“I’m sorry, Georg. There’s nothing I need to tell you about it. It was nothing. Moreover I don’t owe you an explanation. You didn’t have the right to snoop around after me, to spy on me. That’s pathetic. Ridiculous. You only needed to ask me.”

“Oh really? That’s not an answer to my question. All you have to do is to make it clear to me that you didn’t tell me because it was all so harmless. So, how long has it been going on? I’m prepared to apologize. A thousand apologies, if that’s what it takes.”

A thousand apologies. There it was, the opportunity. The possibility of turning everything around, of sorting everything out. Of getting back. And then? Start from square one again? Behave as if nothing had happened? I struggled back, looking for the beginning, the place where it all began. Clung on to old emotions. In vain.

“I’m not going to give you an answer, Georg.”

“No? As you wish. I suppose that’s what they call an admission of guilt. OK. Then see to moving your things out yourself. Have fun. You don’t need to turn the corners of your mouth down in that bloody arrogant pitying manner.”

He broke off and, without looking at him, I knew things were going to get worse. Immediately. Automatically I slid forward in my chair, raising my shoulders as I scanned the floor, hoping to find something I could hold on to again.

“Devil only knows where you get your arrogance from, Clara. It can’t come from your family background. Or have you already repressed what was in that letter? Your grandfather, the staunch Nazi. Why, actually? Yes, this bloody narrow-mindedness! Perhaps it does come from your kith and kin. And didn’t you have a crazy cat called Himmler? Himmler! That in itself it pretty crackpot, like your whole family. I ought to have known.”

Silence. My eyes were fixed on the red border of the carpet. Titian red.

He groaned, thumped the table with his fist and I sensed that he had just been struck by the full force of his own words.

“I love you, Clara. I didn’t mean to do this.” His voice sounded hoarse. And I repeated silently to myself: he didn’t mean to do this, not really.

And in my mind’s eye I saw the boy from our neighbourhood who suddenly, wild with rage, started to squash, crush all the spiders with his hands and feet—27 in all—after he’d discovered that I, a girl of six, had managed to catch one more than him. It was a game. Just a game. I was quivering with revulsion.

“I didn’t mean to do that,” he shouted after me in a whining voice as I ran off, crying out loud.

“A disturbing child, with criminal written all over his face,” was Mother’s comment on the incident over supper, her nostrils quivering with indignation. “Slaughtering twenty-seven spiders at the age of nine? What a frightening degree of callousness! That boy’s going to end up in prison, even before he’s properly grown up. I forbid you to associate with him any more; who knows what he’s capable of. You’re not a match for a nine-year-old boy, certainly not physically. Crazed animals can be dangerous, cruel people always are. Yes, it is sad, Clara, but there’s no avoiding it; try to understand that.”

I cried even more at those words, now I felt guilty, believing I’d betrayed him. For several weeks he stood silently on the other side of the street that led to our property, until at some point he disappeared. Mother’s prophecy was fulfilled. His first period in a young offenders‘ institution came when he was seventeen and I could never quite overcome the feeling that Mother had contributed to it.

Titian red, I thought, as I continued to stare, motionless, at the carpet with little, soft balls of fluff sticking to the sides. Georg remained silent. The silence was crawling down the walls. I waited. And without turning round I knew that he was waiting too. For something or other. For a gesture, a word, an explanation. One last chance. Time passed inexorably, like sand in an egg-timer. It wasn’t that I didn’t want to say anything. Who gives up without a fight? But they were no longer there. The healing words that would have undone what had been said and done. Gone. All that was left were the memories. Gone too was the ease of being able to forgive. The desire to touch him. Not to lose him. We were both waiting. And that final, mute waiting was really bad. I heard him make a movement. Hurried steps. The sound of a door being slammed. It was over. That’s the way farewells are. Icy cold.

Seven days have passed. In a few hours the removal van will arrive. There it is, the bowl. Filled with a heap of soft, sticky stuff, brimming over with questions. Why? But the little word, put together thousands of times in my mind, never spoken, bitten back, passed over, ignored if need be, is fighting back. Slides off my tongue, wriggling, falls to the floor. I can hear it fall: splat! Drops of sweat gather at my neck. Stacks of books surround my feet, piled up into towers of the most varying size, that are disappearing into cardboard boxes one after the other. With no regret. That’s a lie, of course, but what does it matter?

Five years of my life, that crumbled like stale cake and now face me, neatly packed in cardboard boxes. Is that the truth? Who is to blame? Someone must be to blame. Someone must have a part in my wretched plight.

I look back. A long way back. Even farther. Skip years. Decades. Rummage round dusty corners. Crawl into dark rooms. Pull out drawers. Curtains fall. Locks click. An awfully tattered hotchpotch tumbling out in front of me. A bittersweet assortment. And there they are, dumped in the very back corner: disappointments; half-heartedness; defeats; credulity; stupidity; keeping quiet; keeping to my comfort zone; unkept promises. I hear stuttered monologues, broken-off sentences, hasty assurances, whispering, cries. All inextricably interwoven. Stuck together. Intergrown. Tightly bound. Healed up. Bundled into a shimmering kaleidoscope. Old stories now a pile of junk. About to turn away, I draw up my shoulders to fend something off. There! A dark shadow metamorphoses into an animal’s fur. Stinking. Encrusted with filth. A long trail of blood shows me the way. Himmler? Yes. Perhaps it’s all Himmler’s fault.

Chapter 3

I remember.

It was hot. As hot as it is at the moment. Dust with the taste of torrid heat hung over our little town. Noon. Not a breath of air. Not a sound. An oppressive silence broken only by the sound of my short steps. Tip-tap, tip-tap…

My eyes scanned the edge of the street, staring with fascination at a round bundle I was skipping towards. Suddenly the dark pile moved and I started back, trembling with apprehension. A huge something was lying at my feet, tightly rolled up. Blood was trickling down from a gaping wound on its left back leg. I froze at the sight that set off a sharp tingling that spread through my whole body. It was big. Never before in all my six years had I seen such a large cat, a tomcat. And even as I was cautiously kneeling down my decision was taken: from now on this ugly creature was going to belong to me. To me alone.

The cat resisted violently and tried to escape by giving me a painful bite. And another and another. It took ages, the leather strap of the red-striped bread-bag swayed to and fro, strangling me so that I could hardly breathe. Blood was running down my forearms, mixing with that of the animal. Let go? No, I didn’t give up that easily. “That’s not a cat, that’s a calf,” my mother cried in horror when I got back home, blood all over me, and she refused to touch it.

The first thing it did when it could walk again was to attack the postman. Lying in wait behind the bramble bush, the cat prepared to leap and a few seconds later was hanging round the neck of its victim. Squealing with indignation, while the good-natured postman, paralysed with fear, fainted. It seemed to take minutes before we managed to get the claws of the resisting animal out of his flesh.

“It wants to eat me,” my little sister babbled anxiously the next day and crept under the table on all fours the moment its dark shadow appeared in the doorway. Whenever the doorbell rang we had to lock it up after it had leapt up onto Uncle Franz’s neck from three metres away.

“That horrible cat doesn’t attack Clara because she has the same green eyes as it has,” my elder sister Anna complained indignantly. This remark brought her an additional week’s chores in the kitchen, but then my mother turned to me and said, “Clara, you have the habit of bringing the strangest animals into the house. Either they’re blind, deaf, lame, have only three legs like Wotan or are completely mad. I was hoping you’d finally bring a perfectly normal animal home for a change. Whatever that one is, it’s certainly not normal.”

Mother gave me a piercing look until, unhappy and terribly hurt, I ran off to Father who comforted me by telling me that his first great love had been a girl with green eyes.

“Just remember this, Clara,” whispered Great-Aunt Helene. “No one’s normal in this family, this restless house included. Just look at me. What is normal anyway? There was a time when it was normal to inform on your neighbours. To report them to the police. What’s considered normal one day can be the opposite the next. Still, you probably shouldn’t bring home everything you find lying around in the street. Sometimes it can be the very devil.”

Jangling her gold chains, a saw in her hand, she swept off, head held high, to the place behind the barn where a wooden sculpture was awaiting completion. Large naked female figures with even larger bosoms.

“If just one neighbour should happen to see those monstrous objects…” Mother said in a horrified whisper, her face now an ashen hue, adding in a loud voice, “That’s not art, Helene, that’s decadent and obscene. You can do as you like, but not in my garden.”

Helene fumed, raged and slammed the doors for days on end but it was no use. She had to continue her artistic labours in another place, out of public view; in the farthest corner of the barn. My great-aunt took her revenge by creating, a few weeks later, a female figure in wood with my mother’s features and such a big backside and bosom that, with a heavy heart, she eventually decided to hide her work of art in order, as she said, to save Elizabeth having a heart attack.

The cat had no problem stretching the nerves of all the members of the family to breaking point. My mother in particular refused to regard the more than strange behaviour of the animal with humour and certainly not forbearance.

“Its viciousness is making me nervous, Carl.” She shook herself. “Whenever I watch it lurking in the corner, I feel like a little mouse trembling for its life. It reminds me… yes… it reminds me… how should I put it… it reminds me of a Nazi,” Mother said a few days later, after the cat had ambushed her and given her a scratch on the leg, taking her anger out on the cutlets on the chopping board with the steak hammer.

“Nazi? Now hold on, Elizabeth, it’s only a cat. You don’t need to be afraid of a crazy cat. Give it time, it’s been wounded.”

“Oh…” Mother waved this away. “Are you blind, Carl? Have you forgotten how it jumped up onto Franz’s neck. And Maria…she’s afraid of it. I tell you, it’s evil through and through. And don’t you try telling me the animal’s been badly treated at some time or other. If I had my way, I would have…”

Father jumped up out of his chair. “Lizzie, please… I know, but that’s enough.” He took her hand.

“Right then: Himmler, from now on I’m going to call it Himmler,” Mother announced. Pushing Father’s hand away and taking a big swing with the copper-coloured hammer, she flattened the last piece of meat and that was that. Himmler stayed.

And gradually became a pestilential nuisance that had been visited upon us. No, much worse: that I had brought home.

It didn’t like any of us, not even me, who’d saved its life, but still, it did tolerate me coming close to it; apart from me, only Helene managed to get past Himmler unscathed.

“If you bite me just once or, what’s worse, tear my nylons, you’ll spend the rest of your days in the tower—with me…” she told the cat in a tone full of menace, bending down over it without fear. The cat flattened its ears, understood; it wasn’t stupid. Reluctantly it retreated—in disgust, as Uncle Franz later maintained—and not without accompanying Helene’s words with a warning hiss. But it helped.

Though before Himmler’s arrival we had agreed that our dachshund Susu had an awkward character, now we had to see that compared with Himmler the little lady dachshund was truly angelic, despite her habit of nipping you in the calf without warning. Not to mention Wotan, our gentle three-legged giant, a Doberman-Rottweiler cross who was immediately given the status of a saint. He had the ability to rigorously ignore the two strange creatures, one might even say to treat them with unveiled contempt.

It wasn’t long before little Susu was its devoted follower, trotting along behind the brawny tomcat, that was over twice her height, on her short legs. The odd couple made a fiendish pact. At night they went out hunting together. Mice, rats, young birds, even toads and frogs couldn’t avoid their unrestrained bloodlust, as Uncle Franz called it; he had sworn to wring Himmler’s neck should the animal attack him again.

“They’re possessed,” Great-Aunt Helene whispered, disturbed, when one day Susu started wailing outside the cellar door, behind which Himmler was waiting. Her whimpering, which went on for hours, was torture. For us. Maria cried, doors were slammed.

“I really don’t have to put up with this as well.”

Shaking his head morosely, Father went out. That evening we capitulated. We had to accept that our attempt to keep the two animals apart at times had failed. With resignation we let the dachshund bitch into the cellar to join Himmler.

“What a disturbing pair! So much negative energy beneath my feet, that can’t be healthy. It’s as if they were plotting down there—one day they’ll set the house on fire.”

We didn’t like Helene’s gloomy prophecy at all. While Father gave a hearty laugh, we children shuddered, her warning, uttered in a sonorous voice, didn’t seem at all absurd and left us with an uneasy feeling. We had a problem. Even at four little Maria understood that but no one had the courage to say out loud what everyone was thinking: the animals have to go. The obstacle to this resided in the question: what should we do with them? Or should we… No, we couldn’t do that! So everyone remained silent. I did make a genuine attempt to love Himmler, courted his affection, but it was in vain. In the end the inevitable happened, but that’s another story.

Suddenly they’re there, images from the past, laboriously consigned to dark corners, return: the voices of my sisters.

“Don’t be a spoilsport, Clara, come back.”

Familiar noises, The muted sound of a violin. A soft clinking, the clatter of cutlery. A pan lid falls to the floor with a crash. The murmur of voices. Laughter, so close that I turn round in surprise. Chair legs scraping on the floor. In my mind’s eye I can see the display cabinet, its dark wood with interspersed with translucent mosaics. Coloured bull’s-eye panes of glass with the crockery gleaming behind them. Colourful glass alleys roll over wooden floorboards. Right at the back in the corner, the old ottoman. Pale, blurred colours, the dark-red velvet worn bare.

And, floating in the air, motes of dust that gradually settle on a silver candelabra, standing in solitary splendour, like a heavyweight sentry, on a sideboard.

“Some time that iron monster’s going to fall over and strike one of us dead.” The drone of Great-Aunt Helene’s bass voice vibrates in my ears. She was wrong. The candelabra was the only thing to survive that day undamaged. It stood in its place, shining unbearably amid all the charred objects, burnt until they were unrecognisable. The day that would change everything.

Chapter 4

Confined to quarters.

Mother has forbidden me to go out this evening.

“Don’t imagine you can go out at this time. Just asking is outrageous. At you age Anna was still playing with her dolls.”

I knew she’d bring that up. “But Hedda…”

“No buts, and don’t you go on about Hedda. May I remind you that your sister’s two years older. You’ve only just turned fifteen. It’s bad enough that her mother lets your friend go out at this time.”

“Please, Mama, just this once. I’ll only be out for two hours, I promise. I’ll be back on the dot of ten. Oh, please let me go. I’ll do the dishes tomorrow and see to the washing. I beg you… You can wake me up an hour earlier tomorrow, then I can practise the piece again. Just for today… She’s waiting for me…”

Nothing gets me anywhere, neither asking nor begging. My sisters roll their eyes, giggle and shrug their shoulders sympathetically. “That means the poor lad’s out of luck. But you know Mother. Just you make sure she doesn’t find out it was a boy you were going to meet. If she does, Clara, then we’re all in for it.”

Incensed, I run upstairs to complain to Helene.

“Isn’t she mean? Heartless. She only thinks of herself. And Father’s even worse, he always takes Mother’s side. Always! He never helps us. I’m fifteen now. Fifteen! Why is she so heartless, Helene?”

My Great-Aunt gives me a weary smile, sighs. To my astonishment she doesn’t reply but just starts to rummage round for her cigarillos. Mother’s furious call reaches the upper floor.

“You’ll come down at once, Clara. At once. And no arguing. It’s the performance tomorrow, have you forgotten that already?”

That stupid concert! I couldn’t care less about it. She can wait till the cows come home… Now she’ll be cross with Helene as well, but I’m still going to go out, whether she lets me or not.”

At eleven I slip out secretly, not without having put an old wig on my pillow beforehand and plumped up the bedclothes in case my father should make a round of the bedrooms. Trembling with joy, I jump out of the first floor window and follow the moonlight that cuts a narrow path as it hurries on ahead of me. What a summer! The air so mild, warm as a blanket, full of the intoxicating scent of the white dog-roses that grow in long rows behind the barn. There’s the smell of the flowers of the old lime tree, of hay and juniper bushes and rosemary, of grass, soil and ivy. The smell of summer. Fireflies are floating through the bushes; undulating points of light forming ever new circles. Whispering and rustling, crackling and gurgling. Behind me, beside me, everywhere. Crickets chirp in the bushes. Determined to shake off the remains of my guilty conscience, I grasp the wooden garden gate. If she’d allowed me to go I wouldn’t have to be slipping secretly out of the house now, in the middle of the night. That’s what comes of forbidding things. It’s her fault alone. Apprehensive, I hesitate for a brief second, turn round. My heart thumping. As if by magic, the window in Great-Aunt Helene’s tower makes a yellow hoop. Is it a delusion? A shadow, scarcely visible, moves behind one of the second-floor windows; ghostly, unreal. Who can that be? Giggling, I raise my hand. Feel the sudden shudder, a brief shiver that raises goose pimples on my arms. Should I… But no, no turning back. Not on this night.

The gate’s locked.

I kick off my shoes, clamber barefoot over the fence and leave everything behind me—my guilty conscience; the argument; my fear that she might discover I’ve gone out. One last glance at the garden gate. My eyes search the darkness. Where are they? My sandals…doesn’t matter. I start to run. The pale light of a street lamp shows me the way to the Mill Gate. I run faster. Will he still be there? I’m far too late…three whole hours to late… But no! A dark figure comes towards me. Runs to meet me. He’s there…he’s waited! And with that my last doubt disappears.

We come back some time or other, around two o’clock.

The engine chugs along quietly. Silence. So light. As weightless as our kisses. The headlight sends up swarms of moths. Bats swoop away over our heads. Dark, wing-flapping shadows filling the night with their whirring. The old street-lamp appears. The scooter turns right into Sandweg. What’s that? There’s a funny smell. Suddenly the nocturnal silence is torn by the sound of a siren. Headlights appear. Glaring. Harsh light shreds the darkness. That stench… something’s burning. But where’s it coming from? Where? There’s nothing there…just our…just our…

La maison de mes esprits

Chapitre 1

Un jour d’école tout à fait ordinaire. Pensai-je. De larges rayons de soleil se glissaient par les fenêtres grandes ouvertes, se posaient sur les tables et bancs, leur luminosité délivrait de la pénombre d’innombrables particules de poussière. Ça sentait le parfum de notre maîtresse et le crottin de cheval ; de gros tas ronds que le canasson du fermier Lehmann avait de nouveau délibérément lâchés, exactement devant le portail de l’école.

Il paraît qu’après avoir glissé sur l’un de ces tas, notre douce directrice d’école convoqua le fermier, qui aurait répondu avec un large sourire : « Il chie quand il doit chier. » À cette réplique proprement scandaleuse, elle aurait rétorqué qu’elle fêterait l’événement, lorsque cette sale rosse trépasserait enfin.

Sale ? Rosse ? Mais à qui faisait-elle donc allusion ? À Lehmann ou au canasson ?

Ces paroles déclenchèrent une avalanche de commérages et de médisances. Quelques jours plus tard, indignée, notre directrice d’école récusa de tels propos, ce qui d’ailleurs ne surprit personne : elle était membre de la présidence d’une SPA.

Quoi qu’il en soit, nous parlions d’animaux domestiques durant ce cours, quand soudain Mme Nüsslein me pria d’aller au tableau pour y écrire le nom de mon chat.

Rien de plus facile, pensai-je, m’avançant immédiatement d’un pas léger et sautillant. Les lettres s’affichèrent les unes après les autres, et avant de me retourner vers la classe, je persistai à penser que je vivais une journée ordinaire. Un jour comme tant d’autres auparavant. Entre bruit et silence, entre gloussements et disputes et entre deux sonneries de récréation.

Satisfaite, je lâchai le morceau de craie dans la petite boîte fixée sous le rebord inférieur du tableau et me retournai nonchalamment. Mon regard croisa les jambes maigres de la maîtresse, remonta lentement, s’arrêta, se fixa sur les nombreux carreaux multicolores ornant sa jupe, glissa plus haut sur son long cou blanc, qui se balançait toujours un peu d’avant en arrière comme les cous mobiles des girafes au doux regard, jusqu’à rencontrer ses yeux. Et au même moment, ce jour tout à fait ordinaire explosa. Bang ! Tout simplement.

Mme Nüsslein pointa son index raide dans ma direction et dit – non, elle geignit – d’une voix blanche menaçante : « Tu devrais avoir honte, mon enfant. »

J’eus honte. Sur-le-champ. Sans comprendre pourquoi. Sentis la chaleur submerger mon corps par vagues, se propager et colorer mes joues de rouge. Rouge vif. Cramoisi. Puis le silence s’installa. Un silence de mort. Vingt-quatre paires d’yeux me fixaient. Impossible de cacher mon visage, de prendre la fuite. La moindre tentative aurait d’ailleurs échoué, car Mme Nüsslein se tenait en plein dans l’encadrement de la porte. Me fixant elle aussi. Si seulement elle avait pu prononcer un traître mot. Un seul. Mais elle continuait à se taire, m’observant fixement, et son regard perçant me figea sur place.

Quelque part une horloge cliquetait imperceptiblement. Mes doigts commencèrent à chercher de l’aide en agrippant les boutons ronds de ma veste en laine, pendant que je tentais, muette, de sortir de cette impasse, en proie à l’incompréhension ; je parvins enfin à saisir la seule cause possible de son air furieux : le nom de mon chat.

C’était du délire. Cela n’avait pas de sens, assurément, mais je devais agir pour que cela cesse, disparaisse : ce regard accusateur. Cet index de la maîtresse encore pointé sur moi. J’inspirai donc profondément, repris le morceau de craie de la main droite, fourrai une mèche de cheveux dans ma bouche avec la main gauche, et effaçai la première lettre. Remplaçai alors le H majuscule par un B. Maintenant le tableau affichait Bimmler. Mes jambes commencèrent à trembler.

« Bimmler ? Bon oui… bien sûr », déclara Mme Nüsslein. Elle détourna un peu le regard, inspira profondément une dernière fois et se laissa tomber sur sa chaise en renâclant légèrement. « Voilà un nom amusant. Pourquoi ne l’as-tu pas écrit tout de suite, Clara ? »

Et je m’empourprai une seconde fois, car non seulement Bimmler était un nom stupide, mais en plus, c’était un mensonge. « Ça commence toujours par un mensonge et termine au purgatoire », entendais-je intérieurement pontifier ma grand-tante Hélène. Sa présence était incontournable, partout, même dans cette salle de classe, et l’espace d’un moment ma situation me sembla réellement désespérée. Je tournai légèrement la tête de côté.

« Ce n’est pas une raison pour faire cette moue offusquée », le ton de ma maîtresse semblait apaisé. « Mais retourne à ta place maintenant ; allez, allez. » Elle frappa dans ses mains. « Et arrête de mâchouiller continuellement tes cheveux, enfin ! Ça n’arrangera rien. » Cela n’arrangea rien, mais la terre se

remit à tourner. Pour Mme Nüsslein. Pas pour moi. Quelque chose avait changé.

Récalcitrante, je me réfugiai derrière mon pupitre. Vexée. Guettant ardemment la fin du cours. Pensai à oncle Franz qui pouvait jurer comme un charretier, souhaitai avoir ce cran-là. Mais non… gâché. Il me paraissait évident que j’avais tout gâché. Cette journée, ce cours, enfin tout. Mes doigts tripotaient toujours les boutons de ma veste en laine tandis que je plissais mes paupières afin de mieux suivre les moindres mouvements de ma maîtresse. Secrètement. Jusqu’à retrouver peu à peu mon calme. Jusqu’à pouvoir reprendre mon souffle. Pouvoir décrocher les doigts de mes boutons usés qui, désormais, pendaient encore à quelques fils branlants, en se balançant mollement de-ci de-là, au gré de chacun de mes mouvements. Et puis la sonnerie stridente de la cloche de l’école mit un terme à la leçon.

Tout raconter à la maison ? Non, il fallait en finir. Ne pas recommencer. Je décidai donc de tout effacer, comme si rien n’avait existé. Mon visage écarlate, l’histoire de ce stupide Himmler, de la lettre corrigée et tout ça. Et pourtant le sentiment persistait : quelque chose avait changé.

« Ainsi va la vie, comme ci ou comme ça », chantait ma mère quelques heures plus tard à tue-tête dans la cuisine en battant la mesure avec une cuillère en bois dans un tintamarre qui faisait détaler précipitamment tout ce qui avait des jambes – y compris mon père.

Peut-être avait-elle raison. Il faut l’accepter bon gré mal gré. Tout comme les caprices de la météo ou l’Amen à l’église. Comme la détestable couleur de mes cheveux ou la bosse d’oncle Franz, parfois attristante, parfois comique, mais omniprésente. Il y a des choses qu’on ne peut pas changer, et c’était notamment le cas de ma grand-tante Hélène, comme toute la ville de Hollenbrinck le savait ; je me souviens très précisément d’une chaude journée d’août où elle nous déversa l’un de ses monologues légendaires, en martelant ses propos.

« Trois morts en un jour ! Trois ! Ils tombent comme des mouches, Jésus Marie ! Je vous le dis, ce n’est pas normal. Hasard ? Trève de balivernes. Le hasard n’existe pas ! La chaleur est impitoyable, elle aliène l’esprit des hommes comme celui des bêtes. Il y a tout juste deux jours, Lehmann a failli être piétiné à mort dans l’enclos par son taureau. Il a frôlé la mort, avec sa patte folle.

3

“Mon taureau préféré, je l’ai élevé au biberon de mes propres mains. Comment a-t-il bien pu me faire ça ?” gémissait Lehmann, se répandant bruyamment en lamentations ponctuées de ouille-ououille ! et de snif-snif ! Écoutez, écoutez ! Peut-on encore croire ça ? Depuis quand les fermiers ressentent-ils un attachement sentimental pour leur bétail ? N’ont-ils rien de mieux à faire ? Il se tenait devant moi en pleurant toutes les larmes de son corps. Qui ça ? Le Lehmann, bien sûr… Je n’exagère pas du tout ! Demandez à Friedrich le boulanger, il était là. Maintenant Brunhilde tient à ce qu’il aille à l’abattoir. Le taureau bien sûr, qui d’autre ? Pas Lehmann ! Quoique ; vous connaissez Brunhilde. Pas étonnant que le fermier aime tant ses bestioles poilues. Depuis longtemps déjà je me pose la question : quel peut bien être le seuil de souffrance qu’un homme peut tolérer en supportant cette mégère depuis trente ans ? ».

« Hélène ! » La voix de ma mère trahissait une mise en garde à peine voilée.

Indignée, ma grand-tante soupira en levant ses mains de façon théâtrale : « On est tout de même encore libre de dire la vérité. Non ? Ou pas ? » Sans attendre de réponse, elle poursuivit : « Lehmann refuse catégoriquement de mener la bête à l’abattoir. Finalement, le taureau n’y peut rien, avec sa cervelle de moineau. À devoir rester au pâturage pendant des heures avec cette canicule, n’importe quel animal se métamorphoserait en monstre. Mais cette femme sans cœur ! Brunhilde… Où va-t-on, si on conduit tout le monde illico à la boucherie, simplement parce qu’il perd un jour la tête ? Ce n’est finalement pas un pékinois castré. Franz ! »

L’air coupable, mon oncle eut un mouvement de recul et tenta vainement d’échapper au regard désapprobateur d’Hélène derrière le dos de mon père.

« Je ne comprends vraiment pas ce qu’il y a de si drôle ! D’ailleurs, il vous suffit d’ouvrir le journal pour y lire noir sur blanc les effets dévastateurs de cette chaleur tropicale. Ils se pendent dans la grange, fauchent les piétons, abattent sans raison leurs voisins, empoisonnent leur époux, incendient tous leurs biens. Sans même parler des vols et des escroqueries. La chaleur fait gonfler notre cerveau comme une pâte au levain, et voilà les prémices de la folie. Je parie que c’est la faute des Russes ; cette chaleur de plomb, bien sûr ! Mais vous ne remarquez rien du tout ? Ils sont assis sous terre par centaines dans des laboratoires de recherche. On n’ose même pas imaginer tout ce qu’ils peuvent bien expérimenter dans ces bunkers, et ils polluent l’air avec leurs maudites fusées. Les Américains ne sont pas beaucoup mieux. Et puis ces centrales nucléaires. Beurk, au diable ! Nous nous empoisonnons peu à peu sans même le réaliser. Mais ne t’inquiète pas, chérie : si nous avons survécu à Hitler, nous

pourrons survivre à tout. Rien n’anéantit si facilement les Allemands, même pas l’eau potable contaminée. Mais cela dit : reste sur tes gardes, Clara, on n’est jamais trop prudent. Vous savez bien : Contra vim mortis non est medicamen in hortis1. »

Elle jeta un regard triomphant autour d’elle ; amusé, mon père sourit intérieurement, pendant qu’oncle Franz, qui ne maîtrisait pas le latin, commença à soupirer, irrité. « Quoi qu’il en soit, mon enfant. Ne prends jamais de décisions importantes lorsque le thermomètre dépasse les trente degrés », conclut ma grand-tante, remuant, désinvolte, ses orteils aux ongles laqués de rouge.

J’observai Hélène attentivement. L’idée qu’elle fût différente des autres me traversa l’esprit. Pouffant comme une écolière, ma mère vint conforter cette intime conviction en chuchotant derrière sa main : « Quand elle commence à ressortir ses connaissances en latin, on n’est pas sortis de l’auberge ! Il n’y a pas de remède contre la mort, voulait-elle nous dire par là, chérie. Contre Hélène non plus, malheureusement. Parbleu ! Y a pas plus résistant. Le vieux Freud s’y serait cassé les dents. Dommage, en réalité, le complexe d’Œdipe nous aurait alors peut-être été épargné. Ne te méprends pas », continua-t-elle plus bas. « Je l’aime, mais ses tirades vont m’anéantir. On pourrait la laisser trente heures durant en plein désert, je parie qu’elle bavarderait encore, alors que tout le monde serait déjà mort de soif. Pourvu qu’aucune d’entre vous n’ait hérité de cette volubilité démesurée. Et de toute façon : à cause de la chaleur ? N’importe quoi ! La mort est inéluctable. La canicule rendrait fou ? D’où tient-elle ça ? Peut-être de ses lectures étranges ? Hélène se comporte comme une folle de manière identique tous les 365 jours de l’année ; qu’il fasse chaud ou froid. Pouah… ». Je ne pus m’empêcher de m’esclaffer. Elle n’avait pas tout à fait tort. Cependant sa réponse ne m’avait pas totalement convaincue. Il y avait encore autre chose…

J’observai attentivement ma mère qui s’était installée devant le canapé au lieu de s’y asseoir. En tailleur. N’était-elle pas aussi… en quelque sorte… différente ? Ces pulls noirs qu’elle portait avec prédilection et dont elle possédait tant d’exemplaires, qu’on aurait pu, selon Hélène, en équiper un cortège funèbre de bonne envergure. Et ma grand-tante ajouta : « Ce serait vraiment pratique, si tu installais un service de location juste à côté de la

1 Il n’y a dans le jardin aucun remède contre la puissance de la mort.

chapelle, Élisabeth. Ces choses auraient au moins une utilité. » Cette remarque froissa ma mère pendant des jours entiers.

Le fait est que personne, hormis aux enterrements, ne portait de pulls noirs à Hollenbrinck. Pas même le thanatopracteur Hans, au visage rond et lunaire, parsemé, du plus loin qu’il m’en souvienne, d’énormes pustules et qui avait une araignée au plafond ; une énorme, comme l’affirmait toujours Hélène. Personne n’aurait été surpris s’il en avait porté. Pourtant il n’en fit rien. Pas même lui.

Mais le pire de tout, et là nous partagions tous le même avis, c’était son sinistre pantalon bouffant. Hélène, qui venait de marquer une pause dans son discours, avait suivi mon regard.

« Grand Dieu, Élisabeth, mais regarde-toi ! Tu te promènes comme un bolchevik. Bien sûr ! Manquerait plus que tu brandisses un drapeau rouge. À ton âge ! Comment peux-tu te montrer dans un accoutrement pareil devant tes cinq enfants ? Peut-être n’as-tu pas encore réalisé que ce que tu portes là n’est pas un pantalon à la Marlène Dietrich, mais un torchon gris de pacotille. Un pantalon de communiste dans le plus vrai sens du terme. Regardez-la ! Quel horrible vêtement ! » Oncle Franz s’esclaffa joyeusement.

Des taches rouges apparurent sur les joues de ma mère ; d’humeur belliqueuse, elle se pencha plus avant. Cela ne troubla nullement Hélène.

« Mao t’offrirait immédiatement l’asile dans cet accoutrement », continua-t- elle imperturbable. « Il te laisserait défiler au premier rang, Élisabeth. Quel malheur ! Ça, c’est parce que tu ne vas jamais à l’église. Comment peux-tu infliger ça à Carl ? »

Assis face à moi, mon oncle riait à s’en taper les cuisses. Tout le monde était hilare, même ma mère, mais je devinais, aux commissures crispées de ses lèvres, qu’elle faisait semblant. « Puisque mes enfants sont quotidiennement exposés au spectacle de ton mode de vie bourgeois, très chère Hélène, une communiste ne saurait leur nuire, avec ou sans drapeau ; sois-en certaine. » Et cette fois, l’hilarité générale se retourna en faveur de ma mère.

Et qu’en était-il de mon père et d’oncle Franz ? Et d’ailleurs, qu’est-ce qu’un bolchevik ? Et pourquoi mon père tressaillait-il toujours lorsque j’appelais Himmler ?

Cet après-midi-là, je commençai à pressentir qu’une grand-tante, aussi extravagante soit-elle, ne pouvait être la seule raison des regards furtifs que les voisins nous lançaient  régulièrement. Je  compris que  ma  famille   était

différente. Mais qui peut bien le vouloir : être différent ? C’est quelque chose qu’on ne choisit pas, c’est contrariant. À partir de ce jour, je crus savoir ce que je ne voulais jamais être : différente. Je fermai très fort les yeux, joignis secrètement les mains sous la table. Et c’est ainsi que tout commença.

Chapitre 2

Plus de deux décennies se sont écoulées depuis.

Pourquoi n’ai-je pas posé de questions ? À l’époque. D’un brusque mouvement de main je les repousse : les vieilles ombres chinoises appartiennent au domaine du passé depuis longtemps déjà ; je perçois une résistance, un léger malaise et traîne un autre carton de côté. Comme ci ou comme ça. Ou peut- être est-ce mieux ainsi. Ou encore d’une tout autre manière. Peu importe. En réalité, tout pourrait être très simple.

Je n’accroche pas de drapeaux rouges à ma fenêtre, personne n’aurait l’idée de me traiter de bourgeoise, je ne suis ni excentrique ni militante, ma seule singularité réside dans ma couleur de cheveux ; et pourtant, j’ai le sentiment stupide d’avoir tout gâché, une fois de plus. Finalement je pars. Quitte Francfort. Le théâtre. Les amis. Je fais mes valises. Cinq ans de ma vie disparaissent à l’instant dans des caisses et cartons. Mes années avec Georg. J’aurais dû le savoir. En principe. Ou pas. Le bleu a disparu ; depuis longtemps déjà, le firmament ne berce plus son croissant de lune. Gâché. Tout simplement gâché. Le temps presse. Le propriétaire attend à Bâle. Dans peu de jours je dois être à Londres. Il fait chaud. Une chaleur torride. Manquait plus que ça ! Une opportunité. Oui, ça tombe bien. Le désir de fuir devient de plus en plus impérieux. À cause de la chaleur. Pouvoir lui échapper. Ce serait une bonne excuse. Le thermomètre affiche trente-quatre degrés. À l’ombre. Et a posteriori j’ai tendance à approuver les propos d’Hélène. Car qui sait. C’est peut-être bien cette fournaise persistant depuis des semaines qui me pousse à partir. Quitter Georg. Si vite. Instantanément. Indifférente. Et surtout de façon si irrévocable.

Impatiente, je survole des dessins, des photos, une affiche de film encadrée. Mon regard continue, glisse vers le bas, cherche, se détourne, cherche encore, se fige. Je les fixe : les prises électriques. Trois prises. D’équerre. Impeccables. Couleur ivoire. Georg les a installées lui-même. Mon regard se hasarde encore un peu plus avant : trois sur chaque mur de la chambre. Chaque chambre dispose de quatre murs, cette chambre est donc équipée de douze prises, et, j’ai failli oublier : quatre interrupteurs. Dans chaque pièce de la maison. Celle-ci possède neuf pièces, en conséquence il y a 108 prises de courant et trente-six interrupteurs. Par la pensée je descends l’escalier, m’arrête dans l’entrée menant aux pièces du sous-sol : buanderie, chambre d’amis. J’ouvre d’autres portes menant à trois salles de bains. Continue de compter. Mon chemin me mène dans l’une des cuisines au deuxième étage. Redescends. 189 prises de

courant et interrupteurs, avec lesquels j’ai vécu pendant cinq ans. Et avec Georg. « Clara, le meilleur qu’on puisse actuellement acheter sur le marché. Sans même parler du prix. »

Et alors ? Une marotte inoffensive, un dada. Qui pourrait affirmer en être dépourvu ? Personne n’est parfait. Oui, inoffensif, puéril, excessif, mais quelque part aussi suspect. Encore pire : ce n’est pas un hasard si j’ai vécu avec un homme capable de consacrer autant d’attention à une prise électrique tout à fait ordinaire. Et maintenant ?

À cet instant, j’ai beau pivoter sur moi-même, me retourner, ils s’abattent sur moi hors de chaque fissure, de chaque recoin, même depuis le plafond : les mots, une longue chaîne de mots juxtaposés, qui pleuvaient dans cette chambre il y a exactement sept jours.

—  Si tu veux me quitter : je t’en prie, vas-y. Georg se leva un moment. Une pause s’instaura.

—  Ne te fatigue pas à vouloir me changer, Clara.

—  Ce n’est pas ce que je veux. Je voudrais seulement que tu me comprennes.

—      Comprendre ? Désolé, je ne sais pas ce que tu veux dire. Tu crois sérieusement qu’une seule de vos pièces à succès, vos prétendues « satires sociales », qu’un seul de tes décors sanglants empêche l’escroc de recommencer à escroquer le lendemain ? Le tueur de tuer ? Le théâtre n’est rien d’autre qu’une vaste plaisanterie coûteuse, une machine à sous généralement improductive, contrairement à l’industrie du cinéma. Un peu de glamour, un peu de bal masqué, une pincée de morale, évidemment un peu de mauvaise conscience, et le lendemain, la vie continue comme avant.

Il me regarda d’un air que je ne lui avais jamais connu.

« Et puis ce verbiage, ce comportement élitiste ! Je suis artiste… ma vie pour l’art. Cette complaisance dans l’abnégation ! L’argent ne fait pas le bonheur… en faire don au tiers-monde. Sais-tu ce qui se passe derrière les coulisses ? Tes esthètes rampent après chaque centime. Par contre, malheur à nous, avocats, si nous négligeons un seul misérable mark. Et celui dont la valeur marchande est suffisamment élevée, chère Clara, se fait rétribuer la moindre, je dis bien la moindre prestation. À la minute près, pour ainsi dire.

Et en ce qui nous concerne : je ne suis pas un artiste, mais ça tu le savais ; depuis le début.

La différence entre nous est la suivante : j’ai admiré ton travail, t’ai accompagnée à chaque première, et que n’ai-je dû supporter : inceste sur scène, perversions de toutes sortes, agresseurs d’enfants, mères infanticides, violeurs ; la folie la plus ordinaire, n’est-ce pas ? On y rote, vomit, torture, massacre. On s’y vautre interminablement dans l’obscénité. En effet ! Un meurtrier tout à fait ordinaire ne casse plus de briques aujourd’hui, non ; il doit au moins être un boucher sadique, qui jongle voluptueusement avec des membres sectionnés. Puis-je te le rappeler ? Tu as toi-même bataillé avec Hansen il y a deux ans, car il insistait pour que ton décor scénique soit transformé en abattoir sanglant, en cabinet des horreurs de la pire ignominie. Ça ne t’a pas vraiment réussi. Hansen t’a rappelé qui commande et qui fait quoi. Finalement ma Clara a réussi à faire contre mauvaise fortune bon cœur. Et ? Est-ce que ça m’a irrité ? Oh non ! Je me suis efforcé de voir la liberté de l’art partout, j’ai même apprécié le courage d’un metteur en scène comme Hansen, son je-m’en-foutisme impitoyable. La fin est lapidaire : le public a hué des minutes entières. Comme prévu et escompté, cela fit la une des journaux : Au scandale ! Au scandale ! Il y eut bien sûr du pour et du contre, cependant cette mise en scène inconsistante et totalement superflue disparut aussi vite que l’éclair dans le néant. Grâce au public qui a effectivement réussi à mettre un terme à tout ce délire fantasmagorique en restant tout simplement à la maison. Hansen avait beau convier le public, personne ne venait. Une étrange épidémie de grippe faisait soudainement rage, mais curieusement, elle ne concernait que certains cercles. C’était hilarant ! Si le malin plaisir avait été une piscine, tout Francfort y aurait trouvé une place.

Après tout, tu as profité de toute cette surexcitation médiatique ronflante, tu ne peux pas le nier. Grâce aussi aux torrents de sang qui, lors de la première, jaillissaient carrément par litres entiers hors des morceaux de corps et des membres sectionnés. Ça avait l’air sacrément réel ! Si réaliste que les spectateurs du parterre se mettaient à vomir. Certes ce décor de guignol sanguinolent était l’idée de Hansen, pas la tienne, mais tu avais le choix, non ? Je me rappelle encore bien de cette soirée mémorable. Avant même la fin de la représentation, alors que d’innombrables spectateurs avaient déjà quitté le théâtre précipitamment, tu es partie en pleurant. Où t’es-tu cachée ? Dans l’atelier des costumes. Mais à partir de là tu n’avais plus besoin de te préoccuper des propositions d’engagement ; ils se présentèrent spontanément. Et grâce à cette mise en scène monstrueuse, le vieux Hansen réussit en effet à récolter des lauriers. Des lauriers ! Si nous autres avocats réalisions un tel fiasco, une telle merde, nous fermerions immédiatement boutique. Chez vous

c’est l’inverse. Quel monde de fous. Ils parlent d’“art” mais pensent affaires. Chacun veut gagner de l’argent, Clara. C’est comme ça. »

C’est comme ça ? Peut-être était-ce ça. Peut-être étaient-ce précisément ces quatre mots-là qui nous avaient conduits à un champ de ruines.

C’est comme ça. Une phrase qui s’était attablée entre nous deux. Qui se couchait avec nous le soir. S’était collée à moi comme une sangsue. Longtemps imperceptible. Plus tard, après avoir maintes et maintes fois trébuché sur ces mots, je ne trouvais rien de mieux que de les oublier. Il y avait des choses plus importantes. Toujours plus importantes. Je m’efforçais plutôt d’occulter ces mots, de les négliger, de les ignorer. Bouchais mes oreilles de coton. Trop tard. C’était irrémédiable, il n’y avait plus rien à faire. La phrase apparemment anodine se déroulait derrière moi comme une boucle sans fin. « C’est comme ça, Clara. »

Je l’observai. Pour la première fois, je remarquai les rides profondes qui avaient creusé son visage. Il travaille trop, pensai-je, et la mauvaise conscience m’envahit à cet instant. Ce sentiment de mal-être. D’être injuste. Déloyale. Je sentais une espèce de panique monter en moi. Étais-je sur le point de commettre une faute impardonnable ? Deux mois plus tôt nous avions fêté son quarantième anniversaire. Cinq ans auparavant, il n’aurait jamais formulé de telles phrases. Pas de cette manière. Ou bien ? N’y aurais-je pas prêté assez d’attention ? Ce n’était pas sa critique qui me dérangeait, mais plutôt ce qu’il sous-entendait : chacun est un assassin potentiel. Chacun veut gagner de l’argent. Celui qui sait pertinemment qu’il ne se fera pas attraper, trichera. Chacun est corruptible. Personne n’est innocent. Des phrases de ce genre pleuvaient de plus en plus fréquemment. Il ne s’en rendait même plus compte. J’avais l’impression qu’il voulait se forger une sorte de justification personnelle à l’aide de ces paroles.

Se calmer. Pour ce qu’il a réalisé. Réalisé avec succès. Pour avoir défendu les gens qui voulaient récupérer leur argent à tort ou à raison. Protégé meurtriers et violeurs dont le front affichait « coupable » en lettres ensanglantées.

Être coupable et être déclaré coupable dépend de la personne qui te défend, avait-il coutume de dire. Il savait que je ne supportais pas cette phrase. Avait-il toujours été ainsi ? Je l’observai. Et dans le cas contraire, comment avait-il été ?

J’avais besoin d’un avocat.

Georg travaillait comme avocat de la défense au pénal. Mais il avait aussi une bonne réputation en tant que médiateur compétent et impliqué en matière d’honoraires. Une amie décoratrice de théâtre me conseilla de le consulter. Je téléphonai donc à son cabinet pour prendre rendez-vous. Je sonnai. Il ouvrit la porte, sourit, et quatre semaines plus tard nous emménagions ensemble.

Je croyais que c’était de l’amour ; tout du moins, au début de notre relation, le sentiment était très similaire.

Mes amis réagirent avec surprise et de façon partagée. Certains étaient favorables, l’appréciaient beaucoup, pas seulement comme avocat, tandis que les autres prophétisaient que tout serait fini dans un an. Ces derniers se fourvoyaient.

Georg était une personne suscitant soit l’approbation, soit le rejet. Pas de sentiment intermédiaire. Raimund Broder, qui m’avait signé un contrat ferme pour une saison au théâtre de Francfort, ne pouvait souffrir Georg. Dès le départ. Je connaissais son opinion. En choisissant ses collaborateurs, Broder se fiait à son instinct naturel, à son incomparable connaissance de la nature humaine, affirmant effrontément qu’il ne s’était jamais leurré. Non seulement c’était démesurément exagéré, mais cela ne correspondait pas à la réalité. À juste titre, lui aussi s’était donc attiré ses propres ennemis, mais le metteur en scène pouvait se permettre d’en avoir, comme il disait. Oui, il semblait même qu’il choyait consciencieusement ces derniers, non sans une certaine fierté. Par conséquent, il y avait un nombre suffisant d’arguments pour le déprécier. Mais malheureusement, non seulement j’aimais bien Broder, mais j’affectionnais particulièrement notre collaboration.

J’étais tombée amoureuse de Georg pour de nombreuses raisons.

J’aimais sa capacité à s’enthousiasmer. Il était passionné. Jamais rancunier. J’appréciais sa façon de formuler et d’exprimer les choses ouvertement et sans détour. Il lui était pratiquement impossible d’arriver en retard. J’admirais son intelligence. Son savoir, qui ne se limitait pas uniquement à des projets de loi. J’étais impressionnée par sa volonté absolue de réussir. Il me transportait.

Nous pouvions discuter des nuits entières. Georg ne semblait jamais fatigué. Nous avions tous deux l’avantage de ne pas avoir besoin de plus de six heures de sommeil. Les premières années, nous sortions le soir jusqu’à l’aube non seulement avec des amis, mais aussi tous les deux seuls. Alors que je pouvais récupérer en faisant la grasse matinée, il se levait tous les jours à huit heures au plus tard. Je constatai que ses journées étaient minutieusement planifiées, mais cela ne me dérangeait pas, car il dérogeait souvent à cette espèce d’habitude durant les premières années. Nous avions des vues opposées, des

opinions différentes, vivions dans des mondes on ne peut plus divergents et pourtant : ce qui nous séparait nous attirait mutuellement. Nous semblions parfaitement complémentaires.

Deux ans après notre première rencontre, l’avocat honorable était devenu talentueux, et pouvait se permettre de choisir ses clients. Il poursuivit encore son activité d’avocat pénaliste, sauf que les cas qu’il défendait dorénavant devenaient plus singuliers. Très singuliers : ceux de meurtriers ou délinquants, dont les crimes atroces avaient fait les gros titres. Personne, pas même moi, ne pouvait contrer son argument selon lequel tout meurtrier avait le droit d’être défendu.

—  Mais pourquoi dois-tu défendre justement ces gens-là, Georg ? Toi ?

—  Pourquoi pas, Clara. Il faut bien que quelqu’un les défende.

L’idée qu’il soit assis dans une pièce avec ces délinquants me déplaisait. Des heures entières à écouter de façon détaillée leur manière de tuer. L’idée qu’il lise quotidiennement des rapports truffés d’atrocités. Et puis toutes ces photos… Leur seule évocation me provoquait des nausées. Oui, je craignais secrètement que quelque chose dans tout ça puisse laisser des traces. Que deviennent toutes ces paroles et images ? Où vont-elles se stocker ? Que peuvent-elles provoquer ? Qu’en fait-il ? Est-ce que Georg les évacue à la fin comme un sac de déchets non recyclables ? Croit-il sérieusement pouvoir se débarrasser si facilement du contenu de ses dossiers ? Ce n’est pas aussi simple. Je commençai à ruminer. Que va-t-il se passer après ? Tout ça va se consolider quelque part. Tout ça va modifier sa perception. Son regard sur ce qui l’entoure. Sur la vie. Sur moi. Sur nos amis. Sur le bien et le mal. L’horreur, simple banalité ?

Parfois, lorsqu’il rentrait à la maison après une audience générale, je l’observais plus longtemps que d’habitude. Cherchant les indices d’un quelconque changement. Cela l’amusait.

—   C’est n’importe quoi, Clara. Ça n’arrive que dans tes pièces de théâtre. Dans ce cas, tous les avocats au pénal seraient un peu fêlés. Je ne fais pas de cauchemars dans lesquels un quelconque tueur en série me poursuit, même à l’avenir il n’en sera rien. Ne t’inquiète pas. Au contraire ; je dors à poings fermés. Dès le dernier jour d’audience, le dossier disparaît avec tout le reste. C’est aussi simple que ça.

Aussi simple ?

—   Mais tu ne défends plus que les pires de tous. Tu ne t’en rends même plus compte ? Ce sont des meurtriers hors normes. Faut-il que ce soient toujours les plus atroces, Georg ?

—     Les plus atroces se trouvent parmi nous, Clara. Et ils sont en général gravement  perturbés.

—   Oui, mais ils n’en sont pas moins atroces. Et on ne devrait pas se coucher tous les soirs avec eux.

—  C’est avec toi que je me couche le soir, Clara. T’as déjà oublié ?

Son rire me rassura. Il avait raison. Mes préoccupations étaient stupides. Je m’étais trompée. Pourtant, les années laissèrent leurs marques derrière elles.

Georg devenait plus silencieux et évitait de s’étendre sur certaines affaires. À chaque fois que je tombais sur son nom aux côtés de celui d’un meurtrier sur la page de quelque journal, je devais réprimer mon malaise.

Il y eut un cas sensationnel que tous les médias colportèrent durant des semaines entières.

Georg avait plaidé non coupable au nom d’un jeune homme accusé d’avoir tué sa petite amie de la manière la plus cruelle. Nous étions attablés pour dîner. Soudain, il leva la tête et dit : « Il a découpé la fille en morceaux, Clara ; c’est certain. Le procureur a commis une erreur. C’est pourquoi les preuves ont été récusées. J’en ai tiré profit. De sa malchance. Ce n’est pas bien beau mais je n’aurais pas pu faire autrement. C’est mon job, de défendre mes clients. Faire de mon mieux. C’est comme ça. »

Incrédule, je le fixai. De son mieux ? Mais qu’est-ce qui était « le mieux » ? Son explication était terre à terre. Il avait fait un bon travail. Gagné. N’aurais-je pas dû m’en réjouir ? Le féliciter ? Mon regard sombra dans mon assiette. J’en étais incapable. Son sourire ne pouvait masquer l’épuisement et la fatigue qui avaient profondément creusé son visage. Comment le vivait-il ? Ses yeux ne reflétaient aucun triomphe, aucune trace de doute non plus. Comment le vivait-il ?

Pour la première fois je craignais sa réponse et ravalai ma question.

Lors de cette lointaine soirée, je pris conscience que quelque chose avait changé. Je n’arrivais plus à le suivre. Sans nous en rendre compte, nous nous étions éloignés l’un de l’autre.

Le quotidien se chargea du reste.

Nous travaillions beaucoup. Je rentrais souvent tard, alors que Georg se levait tôt. De plus, les répétitions et les réunions avaient évidemment lieu les week- ends. Il nous restait peu de temps libre. Nos carnets de rendez-vous étaient si chargés, pour les semaines et les mois à venir, que nous avions du mal à trouver des week-ends libres en commun. Au fur et à mesure que ses clients du secteur économique devenaient exigeants, que les sommes en jeu augmentaient, que les actes meurtriers des accusés qu’il défendait devenaient spectaculaires, Georg changeait de façon évidente. Il le niait, mais son humour devenait plus noir. Son ironie se transformait en sarcasmes. Il devenait plus inflexible et intransigeant envers lui-même et les autres. Plus susceptible. Plus prudent. Plus jaloux. Son succès et la pression qui augmentaient constamment le rendaient plus méfiant. Il réfléchissait et calculait ce qu’il disait : quand, quoi et à qui. Ce n’était qu’en nous éloignant de Francfort qu’une part de son ancienne insouciance revenait. Et pourtant, notre détachement mutuel s’intensifiait. Jusqu’au point actuel.

Plus exactement : au point final.

J’attendais. Je savais qu’il n’avait pas encore terminé.

—   Nous avons tous les deux changé, Clara. Nous avons pris de l’âge. Les gens changent. Entre-temps nous observons le monde avec un autre regard. Peut- être un peu plus serein, plus désabusé, mais c’est bien normal. Pourquoi t’y opposes-tu ?

—   Pour toi c’est normal, Georg. Mais je ne veux pas devenir comme ça. Je ne veux pas voir le monde comme tu le vois. Si sereinement. C’est tout simplement impossible pour moi. L’argent n’est pas assez important pour moi.

—    Pas de problème, Clara. Je ne veux pas non plus te voler tes illusions, accepte donc simplement que nous avons tous deux des priorités différentes. Avoir de l’influence présente de nombreux avantages. Ce que je possède aujourd’hui, je l’ai acquis à la sueur de mon front. Pas d’escroqueries, pas de corruption. Alors, dois-je avoir mauvaise conscience ? Non. Ou veux-tu me faire gober que tu étais complètement indifférente à mon succès ?

—  Non, il ne m’a pas laissée indifférente, mais j’ai admiré ce qu’il y avait avant.

—   Oui tu as raison. Ce n’était pas mon argent qui t’a impressionnée. L’argent ne t’intéresse pas, d’ailleurs ça m’a toujours flatté. Tout de même : il y a deux mois, je t’ai offert une bague avec des diamants. Et qu’en as-tu fait ? Elle a atterri dans une quelconque boîte en carton. Une bague de la valeur d’une

petite auto. Avant-hier je l’ai même trouvée par terre à côté de la cuvette des toilettes. Je parie qu’en ce moment tu ne sais même pas où tu l’as laissée. Tu étais sincèrement ravie, c’est vrai, mais sois honnête : un pauvre anneau métallique t’aurait comblée de la même manière. C’est étrange. La vie vient comme elle vient, c’est ta devise inébranlable et bien sûr tu pars du principe que la vie te catapultera sur son versant ensoleillé. Peu importe comment. Et je suis persuadé qu’il en sera ainsi. Comment est-ce possible ? Qu’est-ce que c’est ? Naît-on ainsi ?

Curieusement, je ne l’ai jamais remarqué auparavant ; tu t’entendrais à merveille avec les très riches. C’est la même assurance orgueilleuse. Et si la bague que je t’ai offerte se perd ? Tu serais sans doute heureuse à l’idée qu’un mendiant vivrait convenablement de cet argent durant plusieurs semaines. Mais il s’agit là d’un rêve. La vérité, c’est que ton junkie dépenserait cet argent en beuverie, s’injecterait une overdose, que sais-je, mais tu me croirais seulement si tu devais le voir gisant lamentablement dans les toilettes, crevant, décomposé. Lorsque le vomi te ferait réagir. Vraiment étonnant, une énigme insoluble pour moi : ta capacité à créer ces décors scéniques sanguinaires avec toute ta naïveté, ton romantisme social.

Mon regard le frôla, se raccrocha à un vase bien astiqué. Art nouveau, pensais- je, et : je déteste l’Art nouveau.

—   La question n’est pas de savoir si je te crois, Georg. Tu as peut-être même raison. Le junkie finira probablement tel que tu viens de le décrire, mais peut- être pas. Et si je me trompe, ce n’est certainement pas une raison pour déclarer que tout ce que je crois est nul et non avenu. Finalement, même toi, tu peux te tromper.

Un livre tomba par terre.

J’observai sa manière de le repousser brutalement du pied, de se pencher en avant et d’en saisir un deuxième.

TEXTES DE LOI, mentionnait le dos du livre.

Textes de loi. Je tentais vainement d’y trouver ne serait-ce qu’une seule once de drôlerie. J’avais froid. J’écoutais les bruits de la rue, me parvenant de manière assourdie. Le Klaxon d’une voiture. Des voix d’enfants. En fait, un jour ordinaire, songeais-je, comme…

Durant quelques secondes je retournai mentalement dans la classe bien trop petite de mon école aux murs penchés, me revis debout devant le tableau. Impossible de prendre la fuite. Lentement, je levai la tête. Soudain, un grand fracas. Des bris de verre tintaient. Le pavé contenant les textes de loi pendait empalé sur un reste du verre brisé de la vitrine.

Il se tourna vers moi. Ses yeux exprimaient la colère, ainsi que quelque chose que j’aurais préféré ne pas avoir vu.

—   Ah oui, j’allais presque oublier. Il faut que tu saches que je suis au courant de tes rencontres avec un journaliste nommé Ben Kohlmann depuis plusieurs semaines. Peu importe d’où je tiens cette information. Nous devrions régler tout ça au plus vite. Ce serait bien si tu quittais la maison la semaine prochaine. Je suis volontiers prêt à planifier le déménagement. Ou es-tu prête à me donner une explication ?

Il marqua une pause. Incrédule, je l’observai.

—  Clara ! Es-tu sourde ? Muette ? Tu as perdu ta langue ? Il hurlait presque mon nom.

—      Bon sang ! Bon d’accord, comme tu veux. La lâcheté est un refuge confortable où il fait bon vivre, pas vrai ? Et apparemment, même en ce moment, tu n’es pas prête à le quitter. Excellente idée ! Presque comme au théâtre, pas vrai ? C’est Broder qui t’a appris ça ?

Je le regardai, décontenancée. Voilà donc la raison. De tout ça. De sa colère. De son mépris. Mon regard restait fixé sur le verre brisé de la vitrine.

—    Je suis désolée, Georg. Je n’ai rien à te dire à ce propos. Ce n’était rien. D’ailleurs, je ne te dois aucune explication. Tu n’avais pas le droit de fouiner en cachette derrière moi, de m’espionner. C’est pitoyable. Risible. Tu aurais simplement dû me questionner.

—   Ah bon ? Ce n’est pas une réponse à ma question. Évidemment, tu n’as plus qu’à me faire gober que tu n’as rien dit parce que c’était trop anodin. Alors : depuis combien de temps ça dure ? Je suis prêt à m’excuser. Mille fois, si nécessaire.

Mille fois. Elle était là, l’opportunité. La dernière possibilité de tout retourner une nouvelle fois, de remettre les choses sur le droit chemin. De revenir en arrière. Et après ? Recommencer depuis le début ? Faire comme si rien ne s’était passé ? Mes pensées rampèrent péniblement vers le passé, cherchant le

commencement, le moment où tout a débuté. Je me raccrochai à d’anciens sentiments. En vain.

—  Je ne te donnerai pas de réponse, Georg.

—     Non ? Comme tu veux. On peut donc prendre ça comme un aveu de culpabilité. D’accord. Alors fais ton déménagement toute seule. Amuse-toi bien ! Pas besoin de faire cette moue dédaigneuse, avec cette foutue arrogance !

Il s’interrompit et sans le regarder je savais que ça allait empirer. Sous peu.

Involontairement, je glissai plus avant sur ma chaise, haussai les épaules, tandis que mon regard scrutait le sol, espérant trouver de quoi me raccrocher.

—     D’où tiens-tu cet orgueil, Clara, que diable ? Certainement pas de tes origines. Ou as-tu déjà refoulé le contenu de la lettre ? Ton grand-père, le nazi pur et dur. Pourquoi donc ? Oui, cette foutue attitude bornée ! C’est peut-être bien dû à ton clan. D’ailleurs n’aviez-vous pas un chat fou qui s’appelait Himmler ? Himmler ! C’est plutôt déjanté, comme toute ta famille. J’aurais dû m’en douter.

Silence. Mon regard transperçait le rebord rouge du tapis. Rouge Titien.

Il geignait, tapait du poing sur la table et je sentis que ses propres mots venaient de l’ébranler de plein fouet.

—  Clara, je t’aime. Je ne voulais pas.

Sa voix résonnait de manière enrouée. Et je répétais en moi-même : Il ne voulait pas, pas vraiment.

Et je vis devant moi le garçon des voisins, qui, fou de rage, se mit soudain à écraser et broyer simultanément des pieds et des mains toutes les araignées : 27 au total, après avoir constaté qu’à six ans j’avais réussi à capturer une araignée de plus. C’était un jeu. Seulement un jeu. Je tremblais de dégoût.

—   Je ne voulais pas, criait-il derrière moi d’une voix pitoyable, tandis que je m’enfuyais en hurlant.

—   Un enfant inquiétant, dont l’énergie criminelle est déjà inscrite sur le front, commenta ma mère à l’évocation de l’incident au dîner, les ailes de son nez frémissant d’indignation. Assassiner vingt-sept araignées à neuf ans ? Quel effrayant degré d’insensibilité ! Le garçon va atterrir en prison, avant même de devenir adulte. Je t’interdis de continuer à le fréquenter ; qui sait de quoi il est encore capable. Tu ne peux pas te mesurer à quelqu’un de neuf ans, ne serait-

ce que physiquement. Des animaux fous peuvent devenir dangereux mais des humains cruels le restent toujours. Oui, c’est triste Clara, mais il n’y a pas d’alternative ; essaie de comprendre ça.

Je pleurai de plus belle en entendant ces paroles et me sentis coupable en croyant l’avoir trahi.

Durant plusieurs semaines il se tint silencieusement de l’autre côté de la route qui menait à notre propriété, jusqu’à ce qu’il disparaisse un jour. La prophétie de ma mère se réalisa. Il fut détenu dans sa première maison de redressement à l’âge de dix-sept ans et je n’ai jamais réussi à me départir du sentiment que ma mère avait contribué à son sort.

Rouge Titien, pensais-je, continuant, immobile, à fixer le tapis, où de petites peluches douces s’agrippaient au rebord. Georg était silencieux. Le silence envahissait la pièce. J’attendais. Et sans me retourner, je savais que lui aussi attendait. Qui sait quoi. Un geste, un mot, une explication, quelque chose qui évoquerait malgré tout la possibilité d’un retour en arrière. Faire comme si de rien n’était. Une dernière chance. Impitoyable, le temps s’écoulait dans son sablier. Ce n’était pas comme si je n’avais rien voulu dire. Qui donc renoncerait sans résister ? Elles n’existaient tout simplement plus. Les paroles salutaires capables de tout annuler. Effacées. Seuls les souvenirs restaient. Effacée aussi la facilité à pardonner. Effacé, le désir de le toucher, de le garder. Nous attendions tous les deux. Et cette dernière attente silencieuse était vraiment terrible.

Je l’entendis bouger. Des pas pressés. Le bruit d’une porte violemment claquée. C’était fini. C’est ça, les adieux. Glacés.

Sept jours se sont écoulés. Le camion de déménagement va se présenter dans quelques petites heures. Là, le voilà, le réceptacle. Plein d’un magma mou et collant, débordant de questions. Pourquoi ? Mais ce petit mot infiniment ressassé mentalement, non formulé, étouffé, occulté, ignoré si besoin, prend sa revanche. Glisse sur la langue, frétille, tombe à terre, aplati. Je peux entendre le choc : paf ! Des gouttes de sueur s’accumulent dans ma nuque. Des pyramides de livres de différentes hauteurs, entassés à mes pieds, disparaissent peu à peu dans des cartons bruns. Sans nostalgie. Bien sûr, c’est un mensonge, mais qu’importe ?

Cinq années de ma vie, effritées, comme un gâteau desséché par le temps, miette par miette, emballées là, devant moi, rangées dans des cartons. Est-ce

la vérité ? Qui est coupable ? Quelqu’un doit être coupable. Quelqu’un doit avoir participé à ma détresse.

Je regarde en arrière. Encore plus loin. Bondis des années en arrière. Des décennies. Farfouille dans des coins poussiéreux. Rampe à travers des chambres sombres. Ouvre des tiroirs d’un geste brusque. Des rideaux tombent. Des serrures cliquettent. Un bric-à-brac en piteux état s’abat sur moi sans bruit. Une mixture douce-amère. Et, disposées dans le coin le plus reculé, je les trouve : déceptions. Frilosité. Défaites. Crédulité. Stupidité. Dissimulation. Commodité. Promesses non tenues. J’entends des monologues bredouillés, des phrases entrecoupées, des serments précipités, des chuchotements, des cris ; mille fois entremêlés. Englués.

Soudés. Arrimés. Cicatrisés. Amalgamés en un kaléidoscope aux facettes multiples. Un fatras de vieilles histoires. Sur le point de m’en détourner, je remonte les épaules, sur la défensive. Là ! Une ombre obscure prend la forme d’une fourrure. Nauséabonde. Encrassée. Une longue trace de sang me montre le chemin. Himmler ?

Oui, c’est peut-être Himmler le coupable de tout.

Chapitre 3

Je me souviens.

Il faisait chaud. Aussi chaud qu’aujourd’hui. Une chaleur torride au goût de poussière pesait sur notre petite ville. Midi. Pas un souffle d’air. Pas un bruit. Silence. Un silence ankylosant, uniquement interrompu par mes petits pas. Tap, tap, tap…

Mes yeux cherchaient le bord de la route, observant avec curiosité un paquet rond dont je m’approchai en sautillant. Soudain le tas obscur bougea, effrayée je bondis en arrière, tremblant d’excitation. Une chose énorme, étroitement enroulée sur elle-même, gisait à mes pieds. Du sang suintait d’une plaie ouverte à la patte arrière gauche. Pétrifiée par le spectacle, je sentis un picotement lancinant parcourir tout mon corps. Il était grand. Je n’avais encore jamais vu de chat aussi grand du haut de mes six ans. Alors même que je m’agenouillais précautionneusement, ma décision était claire : cette vilaine créature serait désormais à moi. À moi seule.

Le chat se débattait violemment, tentait de s’échapper en me mordant douloureusement encore et encore. Interminable chemin… La courroie en cuir du sac à rayures rouges contenant ma gamelle se balançait d’avant en arrière et lacérait mon cou, m’asphyxiant presque. Du sang coulait sur mes avant-bras, se mêlait à celui de l’animal. Le libérer ? Non, je ne renonçais pas si facilement.

« Ce n’est pas un chat, c’est un veau », cria ma mère horrifiée lorsque je me présentai devant elle, ensanglantée, et elle refusa de le toucher.

La première chose qu’il entreprit, lorsqu’il put courir de nouveau, fut d’attaquer le facteur. Tapi derrière le buisson de mûres, le chat prit son élan et quelques secondes plus tard il pendait au cou de sa victime, rugissant, hors de lui, pendant que le bienveillant facteur, paralysé par l’effroi, s’évanouissait. De longues minutes semblèrent s’écouler avant que nous puissions extraire de sa chair les griffes de l’animal récalcitrant.

« Il veut me manger », bredouillait ma petite sœur apeurée le lendemain, rampant à quatre pattes sous la table de la cuisine dès qu’une ombre obscure se profilait dans l’embrasure de la porte. Depuis qu’il avait sauté au cou d’oncle Franz en faisant un bond de trois mètres, il fallait désormais l’enfermer lorsque la sonnette d’entrée retentissait.

« Le vilain chat n’attaque pas Clara, car elle a les mêmes yeux verts que lui », se plaignait ma sœur aînée Anna, indignée, et bien que cette remarque lui valût une semaine supplémentaire de corvée en cuisine, ma mère se tourna alors vers moi en disant : « Clara, tu as l’habitude d’apporter les bêtes les plus curieuses à la maison. Elles sont aveugles, sourdes, paralysées, n’ont que trois pattes comme Wotan, ou sont carrément folles. C’est étrange. J’avais espéré qu’un jour tu nous apporterais enfin un animal tout à fait normal, pour changer. Quoi qu’il en soit, il n’est certainement pas normal. À quoi ça tient, mon enfant ? »

Ma mère me dévisageait ; malheureuse et infiniment blessée, je courus vers mon père qui me consola en me racontant que son premier grand amour était une fille aux yeux verts.

« N’oublie pas ça, Clara », murmura ma grand-tante Hélène. « Personne n’est normal dans cette famille, même pas cette maison sans quiétude. Regarde, même moi ! Que veut donc dire normal ? Il fut un temps où il était normal de dénoncer son voisin. De le signaler. Ce qui semble normal aujourd’hui peut tout à fait être le contraire demain. Eh bien, peut-être que tu ne devrais pas ramasser tout ce qui traîne dans la rue. Le diable s’y cache parfois. »

Avec ses colliers en or cliquetants, une scie à la main, la tête haute, elle filait directement derrière la grange, où une sculpture en bois attendait d’être achevée. D’imposantes formes féminines avec une poitrine encore plus imposante.

« Si jamais un habitant de Hollenbrinck devait tomber sur une de ces choses monstrueuses… », chuchotait ma mère consternée, dont le visage devenait instantanément livide, ajoutant à voix haute : « Ce n’est pas de l’art, Hélène, c’est décadent et indécent. Fais ce que tu veux, mais pas dans mon jardin ! »

Hélène protesta, tempêta et claqua les portes des jours entiers, rien n’y fit. Elle devait continuer son travail artistique ailleurs, hors de vue du public : dans le coin le plus reculé de la grange. Ma grand-tante se vengea en créant quelques semaines plus tard une sculpture féminine en bois avec les traits de ma mère, et dont le derrière et la poitrine s’avérèrent si démesurés qu’elle se décida finalement, le cœur lourd, à dissimuler son œuvre « afin d’épargner à Élisabeth une crise cardiaque », disait-elle.

Le chat parvint sans peine à mettre les nerfs de tous les membres de la famille complètement à bout. Ma mère en particulier refusait de faire preuve

d’humour ou même d’indulgence face au comportement plus qu’étrange de l’animal.

« Sa méchanceté me rend nerveuse, Carl. » Elle frissonna. « À chaque fois que je l’observe tapi dans un coin, je me sens comme une souris tremblant pour sa vie. Il me rappelle… oui… il me rappelle… comment dire… il me rappelle un nazi », laissa échapper ma mère quelques jours plus tard, après que le chat lui eut sournoisement administré une égratignure sanguinolente à la jambe, et elle maltraita les côtelettes placées devant elle avec l’attendrisseur à viande.

« Carl ? » Une infime vibration dans sa voix trahissait son incertitude. Mon père poussa immédiatement un  gémissement.

—   Nazi ? Grand Dieu ! Élisabeth, je t’en prie ! Ce n’est qu’un chat ! Tu n’as pas besoin d’avoir peur d’un chat fou. Donne-lui du temps, il était blessé.

—   Mais…, ma mère fit un mouvement dédaigneux. Es-tu donc aveugle, Carl ? Tu as oublié comment il a sauté au cou de Franz ? Et Maria… elle a peur de lui. Je te le dis, il est fondamentalement méchant. Et ne viens surtout pas me soutenir que l’animal a été un jour maltraité. Si on devait prendre ça en compte, je serais déjà depuis longtemps…

Mon père se redressa d’un bond :

—  Lissy, s’il te plaît… je sais, mais laisse tomber. Il lui tendit sa main.

—   Bon alors, Himmler, oui, je ne l’appellerai plus que Himmler, proclama ma mère, repoussant la main de mon père et prenant un grand élan.

Le marteau couleur cuivre fendit l’air en sifflant pour aplatir le dernier morceau de côtelette, et les choses en restèrent là. Himmler subsista.

Et devint peu à peu un fléau qui avait emménagé chez nous. Non, bien pire ; que j’avais personnellement rapporté à la maison.

Il n’aimait aucun d’entre nous, pas même moi, qui lui avais sauvé la vie ; cependant, il tolérait que je l’approche, et à part moi, seule Hélène réussissait à passer près de Himmler sans préjudice.

« Si jamais tu devais me mordre une seule fois ou même déchirer mes bas couture, tu passerais le reste de tes jours dans la tour ; avec moi… », menaça-t- elle en se penchant vers lui sans crainte.

Le chat aplatit ses oreilles, comprit ; il n’était pas idiot. À contrecœur, il battit en retraite ; dégoûté – comme oncle Franz le prétendit plus tard avec

23

véhémence – non sans accompagner les paroles d’Hélène d’un crachement d’avertissement. Mais ce fut influent.

Alors que nous avions attribué un tempérament difficile à notre teckel Susu avant l’arrivée de Himmler, nous devions admettre qu’à la différence de ce dernier, la petite dame avait un caractère angélique malgré son penchant pour pincer inopinément les mollets. Sans parler de Wotan, notre doux géant à trois pattes, un mélange de Doberman et de Rottweiler, qui fut immédiatement canonisé. Il réussit à ignorer royalement les deux étranges créatures, oui, on pourrait presque dire qu’il les traitait avec un mépris dédaigneux.

Déjà peu de temps après, Susu tentait vainement, avec ses courtes pattes, de suivre le chat musculeux, qui la dépassait de quelques têtes. Le couple dépareillé conclut un pacte malheureux. Ils se mirent à chasser ensemble durant la nuit. Les souris, les rats, les oisillons, les poussins, même les crapauds et les grenouilles n’échappèrent pas à leur soif meurtrière effrénée, comme disait oncle Franz, qui avait juré qu’il tordrait le cou de Himmler si ce dernier devait l’agresser une nouvelle fois.

« Ils sont possédés », murmura Hélène inquiète lorsqu’un jour Susu, qui se tenait devant la porte de la cave, derrière laquelle attendait Himmler, se mit à glapir. Ses couinements incessants tournèrent au supplice. Pour nous. Maria pleurait, les portes claquaient.

« Ça, je ne vais certainement pas l’endurer en plus. »

Ronchon, mon père secoua la tête et quitta la maison. La capitulation eut lieu le soir. Nous devions admettre que notre tentative de séparer temporairement les deux animaux était vouée à l’échec. Résignés, nous laissâmes la femelle teckel avec Himmler.

« Quel couple inquiétant ! Tant d’énergie négative sous mes pieds, ça ne peut pas être sain. C’est comme s’ils fomentaient un complot là-dessous, un jour ils vont encore nous mettre le feu à la maison. » La sombre prophétie d’Hélène ne nous plaisait pas du tout. Alors que mon père riait de bon cœur, nous autres enfants frémissions, car sa mise en garde au ton sonore ne nous semblait pas aberrante et sema derrière elle un malaise fébrile. Nous avions un problème. Même la petite Maria le comprit du haut de ses quatre ans, mais personne ne se risquait à exprimer tout haut ce qu’il pensait tout bas. Les animaux doivent disparaître ! Ainsi, la principale difficulté se muait en questions : que faire d’eux ? Ou faudrait-il les… ? Non, certainement pas ! Alors on se taisait. Je me suis sérieusement efforcée d’aimer Himmler, cherchant à m’attirer son affection. En vain. Finalement, il advint ce qui devait arriver. Mais ça, c’est une tout autre histoire.

Soudain elles sont là, remontant laborieusement d’images passées, fourrées dans de sombres recoins : les voix de mes sœurs.

« Clara, ne sois pas rabat-joie ! Reviens ! »

Bruits familiers. Son étouffé d’un violon. Léger cliquetis. Des couverts qui s’entrechoquent. Le couvercle d’une casserole tombe avec fracas. Murmure de voix. Rires, si proches que je me retourne, étonnée. Pieds de chaise rayant les sols. Je regarde devant moi le bonheur-du-jour au bois sombre ajouré de mosaïques translucides. Vitres colorées soufflées en couronne, derrière lesquelles la vaisselle miroite. Billes en verre multicolores roulant sur des lattes de bois. Loin derrière, dans le coin, la vieille ottomane. Couleurs pâles et floues, velours rouge foncé élimé.

Et dans l’air des filaments d’étamines dansent, se déposent peu à peu sur un chandelier d’argent, qui trône comme une sentinelle corpulente sur une commode.

« Un jour, ce monstre de fer va s’effondrer et abattre l’un d’entre nous. »

La voix de stentor basse de ma grand-tante Hélène vibrait dans mes oreilles. Elle se trompait. Seul le chandelier survécut, intact jusqu’au jour J. Insupportablement brillant au milieu de tous les objets carbonisés et brûlés au point d’être méconnaissables, il était à sa place. Ce jour où tout devait changer.

Chapitre 4

Privée de sortie.

Ma mère m’a interdit de ressortir ce soir.

« N’espère surtout pas pouvoir sortir de la maison à cette heure-ci. Ta question à elle seule est inouïe et culottée. À ton âge, Anna jouait encore à la poupée. »

Je savais qu’elle allait enchaîner avec ça. « Mais Hedda… »

« Pas de mais, pas de Hedda. Ta sœur a deux ans de plus, dois-je te le rappeler ? Tu viens tout juste d’avoir quinze ans. C’est anormal que ton amie ait le droit de sortir de chez elle à cette heure-ci. »

« S’il te plaît, Maman, pour une fois. S’il te plaît ! Je te promets que je ne sortirai que pendant deux heures. Je serai à la maison à vingt-deux heures pile. S’il te plaît, s’il te plaît ! Je prends aussi en charge la vaisselle de demain et m’occupe du linge. Je t’en supplie… Demain matin tu peux aussi me réveiller une heure plus tôt, pour que je puisse répéter la pièce encore une fois. Seulement aujourd’hui… Elle m’attend… »

En vain ; ni prière ni supplique. Mes sœurs détournent les yeux, gloussent et haussent les épaules d’un air compréhensif. « Il n’a pas eu de chance, le petit. Tu connais pourtant Maman. Fais très attention qu’elle n’apprenne pas que tu voulais rencontrer un garçon. Prends garde, Clara, nous serions toutes concernées. »

Furieuse, je monte en courant chez Hélène pour me plaindre auprès d’elle.

« Qu’est-ce qu’elle est méchante ! Sans cœur ! Elle ne pense qu’à elle. Et Papa est bien pire, il est toujours de son côté. Toujours ! Jamais il ne nous aide ! J’ai pourtant déjà quinze ans. Quinze ! Pourquoi est-elle si dure, Hélène ? »

Ma grand-tante sourit d’un air las, soupire. À mon grand étonnement, elle commence nerveusement à chercher ses cigarillos au lieu de me répondre. La voix coléreuse de ma mère résonne d’en bas.

« Clara, descends immédiatement ! Immédiatement ! Sans rechigner ! Demain a lieu la répétition, tu l’as déjà oubliée ? »

Stupide concert ! M’en fiche. Elle attendra longtemps… Maintenant elle va s’en prendre aussi à Hélène, mais je vais y aller, qu’elle le veuille ou non !

À vingt-trois heures je me glisse à l’extérieur en cachette, non sans avoir au préalable posé une vieille perruque sur l’oreiller et fait bouffer le lit, au cas où mon père ferait un tour d’inspection dans les chambres. Frémissant de joie, je saute du premier étage par la fenêtre. Suis le rayon de lune qui me devance en ouvrant une étroite percée. Été. Quel été ! L’air est si doux, chaud comme une couverture, empli du parfum enivrant d’églantiers blancs qui poussent en longues rangées derrière la grange. Ça sent les fleurs du vieux tilleul, le foin, le genièvre et le romarin, l’herbe, la terre et le lierre. Ça sent l’été. Dans les buissons planent des lucioles ; points lumineux sautillants, formant constamment de nouveaux cercles.

Chuchotement et frémissement, craquement et murmure. Derrière moi, à mes côtés, partout. Des grillons chantent dans les bosquets. Tout en m’efforçant de me débarrasser d’un reste de mauvaise conscience, ma main saisit le portail en bois. Si elle m’avait autorisée à sortir, je n’aurais pas eu besoin de me faufiler secrètement au milieu de la nuit hors de la maison. Tant pis pour elle. C’est entièrement de sa faute. Durant quelques secondes, je sens une hésitation craintive et me retourne. Palpitations. Dans la tour d’Hélène, la lumière évoque un cerceau jaune magique. Une illusion ? Une ombre à peine visible se déplace derrière l’une des fenêtres du deuxième étage ; fantomatique, irréelle. Qui pourrait-ce être ? Je lève la main en riant. Sens soudain un frisson naissant, bref frémissement contractant la peau de mes bras. Devrais-je… mais non, pas de retour. Pas cette nuit.

Le portail est fermé à clef.

Retire négligemment mes chaussures, escalade pieds nus la clôture et la laisse derrière moi : la mauvaise conscience. La dispute. La peur qu’ils puissent se rendre compte de ma fugue. Un dernier regard vers le portail du jardin. Mes yeux scrutent l’obscurité. Où sont-elles ? Mes sandales… tant pis. Commence à courir. La lumière pâle d’une lanterne me montre le chemin vers le Mühlentor. Je cours plus vite. Est-ce qu’il sera encore là ? Je suis très en retard… trois heures de retard… mais si ! Une silhouette sombre se dirige vers moi. Court à ma rencontre. Il est là… il a attendu ! Et à la seconde même, le dernier doute s’efface.

Aux environs de deux heures, nous rentrons.

Le moteur pétarade doucement. Silence. Si léger. Aussi aérien que nos baisers. La lumière des phares effarouche une volée de papillons de nuit. Des chauves-

souris s’écartent en glissant au-dessus de nos têtes. Des ombres obscures d’ailes battantes, dont le bourdonnement envahit la nuit. La vieille lanterne apparaît. Le scooter tourne à droite sur le chemin sablonneux. Qu’est-ce que c’est ? Une drôle d’odeur me monte au nez. Soudain, le sifflement d’une sirène d’alarme brise le silence nocturne. Des phares transpercent la nuit. Éblouissants. Une lumière crue déchire l’obscurité. La puanteur… quelque chose brûle… mais alors depuis quel endroit ? Où ? Ce n’est rien… seulement notre… seulement notre…

Und in des Waldes Dunkel schlafen die Wölfe.

Prolog

An jenem unglückseligen Tag wusste ich von nichts; bis zu diesem Augenblick, als das Telefon zu klingeln begann. Weder dass Alvas Eltern ihren Flug von London nach Zürich umgebucht hatten, um ihrer Tochter zu folgen, noch dass sich Alva in der Nacht zuvor nach einem heftigen Streit heimlich auf-und davongemacht hatte. Südamerika! Was soll man dazu sagen? Und noch wusste ich auch nicht, dass Alva gar nicht in Chile angekommen war, sondern eine Reise quer durch Osteuropa angetreten hatte. Stand sie damals in Wien auf der Straße, in Gedanken würfelnd, wohin die Reise gehen soll? Ich weiß es nicht, bis heute habe ich sie nicht danach gefragt. Nie werde ich diesen schwärzesten aller Momente vergessen, als ich es erfuhr. Absturz. Ein Wort, kälter als Eis, ein lodernder Höllenschlund, der mich augenblicklich verschluckte und irgendwann wieder ausspie. Einerlei. Es galt, sich aufzurappeln. Und so kam es, dass in diesen schreckensbleichen Tagen Gott und die Welt losgeschickt wurden, um Alva zu suchen, die wie vom Erdboden verschluckt schien. Die Seele habe ich mir zermartert, wo sie sein könnte! Wenige Tage später flog ich nach London in der Hoffnung, irgendein Lebenszeichen zu finden und fand in der verwaisten Wohnung auf Alvas Bett einen Brief. Jedes elterliche Wort eine Liebeserklärung an eine aufmüpfige Tochter. Sie hätten nun ihren Flug umgebucht und würden in Zürich den nächsten Flug nach Santiago de Chile nehmen. Großer Gott! Gott? Dieser verfluchte Gott hat sie jedenfalls nicht aufgehalten. Was soll ich sagen? Ja, verdammt, ich habe es getan! Ich beschloss, den Zettel einzustecken. Ließ ihn verschwinden. Und nicht nur das, Wochen später hielt ich es immer noch für angebracht, Alva diese letzten Worte nicht auszuhändigen, und ich stehe zu dem, was ich damals glaubte tun zu müssen. Wer hat das Recht, mich dafür zu verurteilen? Was ist schon richtig, was ist falsch? Wozu den Schmerz noch vergrößern? Alles in mir hat sich dagegen gewehrt. Später, ein oder zwei Jahre später, wenn die Zeit mit einem barmherzigen Tuch die Wunde bedeckt haben würde… Die Jahre gingen ins Land. Keine Menschenseele erfuhr von meiner – sagen wir mal so – unmoralischen Tat. Zu groß die Sorge, dass Alva sich die Schuld an dem Tod ihrer Eltern geben könnte. Zu übermächtig die Angst, sie auch noch verlieren zu können. Und nun, 10 Jahre sind vergangen, taucht meine über alles geliebte Alva auf, erzählt irgendeinen Unsinn über eine idiotische Straßenbahn und ihr strahlendes Lächeln und jedes ihrer Worte erinnern mich an meine verdammte Bürde, die ich mit mir herumtrage. Ja, der alte Mann ist auf seine alten Tage zu einem gemeinen Dieb verkommen. Sie wird es mir niemals verzeihen. Und nun?

 

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